Brief von Karl Otten an Egon Schiele vom 13./14. Dezember 1914
Karl Otten
13./14. Dezember 1914
[Briefanfang rechts:] Tübingen, 13/14 XII. 14 | Sehr verehrter Herr Schiele! | Von Zeit zu Zeit klaube ich | Ihren brief [sic] aus der Schube [Schublade] und | delektiere mich – ich war so froh über | Ihr anerkennendes mitfühlen. Ich | glaube nicht, dass Sie sich vorstellen | können was das heisst aus den geord- | neten Kreisen freier Gedanken und | beziehungen eingekastelt zu werden – | eingemauert in 3:6 den beton zu sehen. | Draussen Sommer – Herbst – Winter | Schicksal und Krieg – Gesang der | Soldaten – musik von Begräbnissen – | Siegesläuten und Pöllerschiessen – | Kinder singen – hier drinnen aber ||
[Briefende links:] er jugendlicher und mehr Roman- | tiker was mir sehr zusagt besonders | der Schluss seiner Gegenspieler – der | narr. | Seit einigen Tagen habe ich eine | Fahrradlaterne, sodass ich des Abends | etwas arbeiten kann – ich zeichne, | dichte – schneide Linoleum – schnitze | Götzen und Weibsbilder – bunt durch- | einander – ein Tohuwabohu von Kraft | und Einfalt. | Schreiben Sie mal Antwort, wenn | Sie Zeit haben – ich lechze nach | Leben. | Alles Gute und Grüsse | Ihr aufrichtiger | Karl Otten.
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