Bildnis eines Mannes
Anonym
um 1490
Rahmenaußenmaß 44,4 × 36 × 4 cm
Das Bildnis besticht durch den durchdringenden Blick und die starke Präsenz des unbekannten Mannes. Benesch schrieb die großformatige Silberstiftzeichnung 1928 dem Brügger Maler Petrus Christus (Baerle um 1425 – um 1475 /76 Brügge) zu, doch unterscheidet sich die Zeichenweise deutlich von dessen Bildnis eines Herrn mit Jagdfalken (Frankfurt a. M., Städel Museum, Graphische Sammlung, Inv. 725): Während das Inkarnat mit zarten, dichten Schraffen weich modelliert ist, sind Gewand und Haube mit lockeren, breiteren Linien skizziert, was auf eine Datierung ins späte 15. Jahrhundert (F. Koreny in AK Albertina / Washington / New York 1984) und auf einen deutschen Zeichner schließen lässt (E. Pokorny in Stefes 2011). Mit der Linie am unteren Rand der Zeichnung ist eine Brüstung oder gemalte Rahmenleiste angedeutet, ein für altniederländische Bildnisse charakteristisches Motiv. Dass hier ein deutscher Zeichner ein niederländisches Vorbild kopierte, demonstriert die einstige Vorbildwirkung sowie die durch Handel und Kopien bewirkte weite Verbreitung niederländischer Malerei.
Das im Typus an Werke des Dirk Bouts d. Ä. erinnernde Bildnis (F. Koreny) ist in einer weiteren gezeichneten Fassung im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle überliefert, die allerdings schlecht erhalten und durch spätere Ergänzungen beeinträchtigt ist. Beide Blätter stimmen mit einem heute verschollenen Gemälde eng überein, bei dem es sich um ihr gemeinsames Vorbild handeln könnte (vgl. Stefes 2011). Die Gestik des Mannes, der seinen Ärmel anzuheben scheint, lässt sich möglicherweise damit erklären, dass er ursprünglich einen Gegenstand in der Hand halten sollte.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 19, S. 42.
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