Der Winter
Pieter Stevens II.
vor 1620
Pieter Stevens’ Winter wurde 1620 von Aegidius Sadeler II. (1570 –1629) für eine Jahreszeitenfolge gestochen (Bartsch 145 –148). Die mit dem Griffel nachgezogenen Konturen dienten der Übertragung auf die Kupferplatte. Vermutlich als Alternativentwurf zeichnete Stevens den fast maßgleichen Dezember (Inv. 7961): Es wird angenommen, dass Stichfolgen wie die Jahreszeiten vom Verleger aus bereits vorhandenen Zeichnungen zusammengestellt wurden. So schuf Stevens hier eine dörfliche und eine städtische Variante, Letztere mit deutlichen Bezügen zum Stadtbild von Prag, wo er seit 1590 lebte.
Das Thema der Jahreszeiten hatte Stevens schon früh fasziniert. Um 1600 zeichnete er einen Winter für eine gestochene Jahreszeitenfolge von Hendrik Hondius (1573 –1650) (Paris, École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, Inv. M. 2006; Hollstein 61) und in Prag (Národní galerie, Inv. 26962) befindet sich die Vorzeichnung zum Januar einer 1607 von Aegidius Sadeler reproduzierten Monatsserie (Bartsch 133). Auch dort werden die entlaubten Bäume als Blickfang und Raumteiler inszeniert, doch wirken die Äste und Zweige noch nicht so natürlich wie auf den Wiener Zeichnungen. Stevens’ gutes Gespür für Lichteffekte und Wetterphänomene kommt in den späten Arbeiten ebenfalls besser zum Ausdruck.
Seit dem Mittelalter wurden den einzelnen Monaten beziehungsweise Jahreszeiten bestimmte Tätigkeiten zugeordnet. Dazu gehörten die Zubereitung des Brennholzes, das Schlachten der Schweine, aber auch Wintersportarten wie Schlittschuhlaufen, Klootschieten – verwandt mit dem heutigen Curling – und Kolf, ein Vorläufer des heutigen Eishockeys mit Anklängen an das Golfspiel. Auf dem Entwurf zum Winter gibt es im Mittelgrund gewisse Unstimmigkeiten in der Figurenproportion: Größere Figuren stehen ohne Zusammenhang neben kleinerer Staffage. Dieses Phänomen dokumentiert eine Änderung der räumlichen Konzeption: Stevens arbeitete zunächst mit durchgängig größeren Figuren, bevor er sich für eine dynamischere Tiefenwirkung entschied, die er durch stärkere Größenunterschiede zum Ausdruck brachte. Die großen Figuren wurden aus diesem Grund von der weiteren Ausarbeitung ausgeschlossen, sie blieben blass und schemenhaft als Pentimenti neben den später eingefügten kleinen Figuren stehen und wurden auch nicht auf der gestochenen Fassung übernommen.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 81, S. 168.
