Tityos
Cornelis Cornelisz. van Haarlem
1588
Cornelis Cornelisz. gehörte mit Karel van Mander und Hendrick Goltzius zu den führenden Köpfen des Haarlemer Manierismus. Sie widmeten sich in einer Art Zeichenakademie dem Studium der menschlichen Figur oder, wie sie es nannten, der »italienischen Manier«: Es galt, den Italienern ihren Ruf als führende Figurenmaler streitig zu machen. Ihre Themen fanden sie bevorzugt in der antiken Mythologie: muskulöse Heroen in kunstvoll verdrehten Körperhaltungen und perspektivischer Verkürzung.
Hier sehen wir den Giganten Tityos, der nach versuchter Vergewaltigung der Göttin Leto in den tiefsten Tartaros verbannt wurde. Gemäß den Metamorphosen des Ovid (IV, 456) war er eigentlich an einen Felsen gekettet. Seine Strafe bestand darin, dass ihm zwei Geier die stets nachwachsende Leber bei lebendigem Leibe verzehrten. So wurde er auch von Tizian dargestellt. Cornelis dagegen ließ den Verdammten rücklings über einen Felsen taumeln. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr den im gleichen Jahr nach seinen Entwürfen gestochenen Himmelsstürmern (Hollstein 306–309).
Unter den wenigen Zeichnungen Cornelis van Haarlems ist das Wiener Blatt eine seiner eindrucksvollsten Arbeiten. Geschmeidige, schwellend modulierte Linien verbinden sich mit malerisch abgestuften Brauntönen; Weißhöhungen setzen die für Cornelis typischen Glanzlichter. Die grausige Thematik in ästhetisch anspruchsvollem Gewand war eines der Markenzeichen der Haarlemer Manieristen, und Sammlerstücke wie der Wiener Tityos trafen offensichtlich den Nerv der Zeit.
