Zwei krummgewachsene Bäume
Anthonie Waterloo
um 1660-1665
Unter den Landschaftszeichnungen von Antonie Waterloo überwiegen jene Darstellungen, die sich an der wirklich gesehenen Natur oder an topografisch identifizierbaren Motiven orientieren. Eine ganz eigene Stellung nimmt eine kleine Gruppe von hochformatigen Zeichnungen ein, in denen imaginär wirkende Bäume oder Baumgruppen im Mittelpunkt stehen. Ein wesentliches Merkmal dieser schwer zu datierenden Arbeiten ist die komplizierte Technik, die von den bei Waterloo üblichen Zeichenmitteln - schwarzer Kreide und Pinsel in Grau - auffallend abweicht.
Ein herausragendes Beispiel dieser Bildgattung ist die präsentierte Zeichnung. Die meisten Baumdarstellungen wurden durch einen Zaun, eine Brücke oder landschaftliche Details ergänzt, aber in diesem Blatt konzentrierte sich Waterloo nur auf das Hauptmotiv. Auffallend ist der Kontrast zwischen dem seitlich beleuchteten, emporwachsenden Baum in der Mitte und dem dunklen Baumstumpf mit den sperrigen, herunterhängenden Ästen links im Vordergrund. Ein fast übernatürliches Licht dringt durch das dichte Ast- und Blättergeflecht - ein Effekt, der vor allem auf die unorthodoxe Technik zurückzuführen ist. Kennzeichnend für die ganze Gruppe ist die Anwendung der oft mehrfarbigen Materialien und getönten Papiersorten. In unserer auf grauem Papier ausgeführten Zeichnung arbeitete Waterloo Schicht um Schicht in einem kombinierten Mal- und Zeichenverfahren. Mit dem Pinsel in Ocker und in vielfach abgestuften Grautönen legte er den geheimnisvoll schimmernden Hintergrund an, den er durch feine, kurze Striche in weißer und gelber Kreide belebte. Mit der tiefschwarzen, in Leinöl getränkten Holzkohle gab er anschließend die Umrisse, die Binnenzeichnung und die Schattenpartien der Bäume wieder; manche Blätter hob er durch helle Pinselakzente hervor.
Motivisch gesehen handelt es sich hier um eine - wenn auch durchaus freie - Bezugnahme auf einen Bildtypus, der bei #Pieter Bruegel seinen Ausgang nahm und im frühen 17. Jahrhundert in den Niederlanden von flämischen Künstlern wie #Roelant Savery weiterentwickelt wurde. Es betrifft die individuelle, nahsichtige Gestaltung von Baumgruppen oder einzelnen Bäumen, deren dramatisch geschwungene Stämme und mächtige Wurzelpartien emphatisch in Erscheinung treten. In vielen dieser vom Manierismus geprägten Darstellungen ist der allegorische "Dialog" zwischen vitalem und altem oder totem Baumbestand das hervorstechende Merkmal. Gerade dieser Aspekt scheint für das Albertina-Blatt eine besondere Rolle gespielt zu haben.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 138, S. 294.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/30214/zwei-krummgewachsene-baumeImage Request