Die Lokomotive mit dem großen Rad
Lyonel Feininger
1910
Lokomotiven tauchen ab 1906 in Feiningers Comicstrips für die Sunday Chicago Tribune auf. Trotz ihrer surrealen Beseelung durch Augen, Pfeife rauchenden Mund oder austretende Dampfgeister wirken sie sehr nahe an der Realität. So auch seine Lokomotive von 1910. Im Jahr davor hat Feininger begonnen, für seinen dreijährigen Sohn Andreas – wohl auf Grundlage echten Anschauungsmaterials – Lokomotiven zu zeichnen und sich tiefgreifend mit dem Thema auseinanderzusetzen. Bei der hier dargestellten Lokomotive handelt es sich um eine Maschine der „Iron Duke“-Klasse der britischen „Great Western Railway“ mit der Achsfolge 2A1 (zwei Laufradsätze, ein Treibradsatz, ein Laufradsatz). Die breitspurigen Lokomotiven erreichten bis 128 Stundenkilometer. Die bunte Amalgamierung basiert möglicherweise auf einem „Teamwork“ des Künstlers mit seinem Sohn. Mit Paul Klee ist Feininger der wichtigste Maler, der die Kunst der Kinderzeichnung zur Grundlage seiner Ästhetik macht.
Steam engines appeared in Feininger’s comic strips for the Sunday Chicago Tribune from 1906 onwards. In spite of their surreal anthropomorphism—eyes and pipe-smoking mouths or ghosts rising from the steam—they strike us as very close to reality. This also holds true for his Locomotive from 1910. The previous year Feininger had begun to draw steam locomotives for his three-year-old son Andreas that were likely based on actual examples, embarking on an in-depth exploration of the subject. The locomotive in the present painting is an engine of the Iron Duke Class of the British Great Western Railway with a 2A1 axle arrangement (two idler axles, one powered axle, one idler axle). These broad-gauge locomotives reached a top speed of about 80 miles per hour. The motley amalgamation may have been the result of a teamwork between the artist and his son. Next to Paul Klee, Feininger is the most important painter making child art the basis of his aesthetics.
Rahmenaußenmaß 92,5 × 138,5 × 6 cm
Anfang des 20. Jahrhunderts galt der junge Feininger als einer der begabtesten deutschen Karikaturisten; 1906 wurde er sogar von der angesehenen Chicago Sunday Tribune angeworben. Auf die Dauer befriedigte ihn diese Beschäftigung jedoch nicht; er wollte als seriöser Künstler ernst genommen werden. Schließlich wagte er privat und künstlerisch einen Neubeginn. Welche Dynamik er dabei entfaltete, lässt sich in einem 1907 geschriebenen Brief an seine Lebensgefährtin Julia Berg nachlesen: «Nicht umsonst fängt man mit 36 Jahren als vergnügter Greis an, zu malen und malt mit lokomotivartiger Leidenschaft 8-10 Stunden täglich. Aber mir dämmert eine Hoffnung auf, [.,,] wenn ich nur nicht vor übergroßer Lebensfreude überschnappe. »1 Damals begann sich Feininger auch ernsthaft mit der Druckgraphik zu beschäftigen. Zu den ersten sehenswerten Resultaten zählte 1906 die Lithographie einer Lokomotive namens Windspiel (Kupferstichkabinett Dresden).2 Im Rahmen einer Schau der Berliner Sezession im Jahre 1910 stellte Feininger sodann eine ganze Reihe von Zeichnungen mit Lokomotiven aus.3 Einige dieser Blätter radierte er später; andere, wie die Alte amerikanische Lokomotive, dienten ihm als Vorlage zu Gemälden. Die Lokomotive mit großem Rad der Sammlung Batliner, von welcher der Künstler 1915 eine zweite, weitgehend identische Fassung anfertigte4 , muss ebenfalls auf eine solche Zeichnung zurückgehen. Feiningers großes Talent als Karikaturist ist in diesem Bild noch immer deutlich erkennbar. Mit liebevollem Humor sind ein paar Eisenbahner wiedergegeben, die sich an einem begrünten Bahndamm ausruhen und ein zweites Frühstück einnehmen, während hinter ihnen in der altertümlichen Lokomotive mit den roten Rädern ein Mann mit schwarzem Hut den Kesseldruck reguliert. Auffallend an diesem höchst ungewöhnlichen Bild ist zumal der flächige Farbauftrag und die Härte, mit der sich selbst Immaterielles wie die braunen Rauchschwaden von der Umgebung abzeichnen. Insofern mag dieses Bild noch durchaus an jene bunt ausgemalten populären Bilderbögen des 19. Jahrhunderts erinnern, von denen sich Anfang des 20. Jahrhunderts so viele Avantgardekünstler inspirieren ließen.
1 Zitiert nach Ulrich Luckhardt, Lyonel Feininger; München 1989, S. 22.
2 Leona E. Prasse, Lyonel Feininger: Das graphische Werk, Berlin/Cleveland 1972, Nr. L 2.
3 Vgl. Ausst.-Kat. Lyonel Feininger: Lokomotiven und Eisenbahnlandschaften, Stiftung «Langmatt», Sidney und Jenny Brown, Baden 1991.
4 Hess 1959 (wie Anm. 3), Nr.138.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/305639/die-lokomotive-mit-dem-groen-radImage Request