Glass and Lemon Before a Mirror
Roy Lichtenstein
1974
Roy Lichtenstein geht in seinem Schaffen immer von einer bestehenden Bildvorlage aus. Zunächst waren es Comicstrips, Werbematerialien, Zeitungen und Versandkataloge, denen er Motive entnahm. Diese Motive übertrug er in dem für die Vorlage typischen unpersönlichen Stil im Rastersystem zeitgenössischer mechanischer Reproduktionstechnik auf die Leinwand und erhob somit triviale Konsumgüter zum Darstellungsgegenstand, verlieh ihnen Bildwürdigkeit.
Vor allem in den 1970er-Jahren sind es dann Vorbilder aus der Kunstgeschichte, die er paraphrasiert: Meisterwerke von Monet und Picasso werden zitiert, Stilrichtungen karikiert und mit Glas und Zitrone vor einem Spiegel klassische Genres wie das Stillleben in seine eigene Bildsprache umformuliert. Erreicht wird durch die Comicästhetik eine Auflösung von High und Low Art, eine Entmythologisierung der sogenannten hohen Kunst und eine Trivialisierung des etablierten kunsthistorischen Kanons. Ironisch werden traditionelle Kategorien in neuem Licht präsentiert. Das Werk ist Kunst über Kunst und zeugt von Lichtensteins pointierter, hochintellektueller Auseinandersetzung mit Kunst an sich.
All of Roy Lichtenstein’s works are based on an existing pictorial model. Initially, the motifs were taken from comics, advertisements, newspapers, and mail-order catalogues. Relying on the impersonal style of the material, the artist transferred these motifs to the canvas by means of the grid system employed by contemporary reproduction techniques and thus turned trivial consumer goods into subjects worth being represented in a picture.
Especially in the 1970s, he paraphrased models from art history: he quoted masterpieces by Monet and Picasso, caricatured stylistic movements, and reformulated traditional genres in his own pictorial language, such as in Glass and Lemon in a Mirror. This comics aesthetic results in a dissolution of high and low art, a demythologisation of so-called high art, and a trivialization of the established art-historical canon. Traditional categories are ironically presented in a new light. The work is art about art and testifies to Lichtenstein’s pointed, highly intellectual engagement with art as such.
Rahmenaußenmaß: 135,3 × 110,5 × 5,5 cm
Im Februar 1962 zeigte Leo Castelli in New York zum ersten Mal Comic-Bilder von Roy Lichtenstein. Sie gefielen dem Publikum so gut, dass bereits vor der Eröffnung sämtliche Bilder verkauft waren. Angefangen hatte das ungewöhnliche Experiment damit, dass der junge Künstler für seine beiden Söhne Disney-Figuren von amerikanischen Kaugummipapieren kopierte. «Dann kam ich auf die Idee, eins dieser Kaugummipapiere zu malen, und zwar großformatig, einfach um zu sehen, wie das ausschauen würde. Ich glaube, zuerst war ich dabei Beobachter und gar nicht so sehr Maler, aber als das Bild dann halbfertig war, begann es mich auch als Bild zu interessieren. »1 1961 entstanden dann die ersten Ölbilder mit Motiven aus populären Cartoon-Serien und aus der Werbung, wobei Lichtenstein nicht nur das Motiv an sich übernahm, sondern auch versuchte, die entsprechende Drucktechnik zu imitieren: die dicke schwarze Kontur, die regelmäßigen Schraffuren und vor allem die durch die Offsettechnik bedingten Rasterpunkte. Das Spezielle dieser Methode war einerseits die Neuverwendung einer trivialen Motivwelt, andererseits das betont Maschinelle und Stereotype der Darstellungsweise. Mit dieser ungewöhnlichen Bildidee wurde Lichtenstein schlagartig zu einem der bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Pop Art. Auch als die Pop Art längst von jüngeren Strömungen überholt war, entwickelte der Künstler seinen flächig-plakativen Stil weiter, wobei die Bilder nun immer abstrakter wurden. Die Darstellungen gehen zwar weiterhin auf triviale Illustrationszeichnungen zurück, sie sind jedoch so stark fragmentiert, dass die Motive kaum mehr zu erkennen sind. Sehr eindrucksvoll ist, wie sich der Künstler in den siebziger Jahren mit dem uralten Thema des Stilllebens auseinandersetzte. Obschon zu vermuten ist, dass das Glas mit der Zitrone, das sich im Spiegel wiederholt, einer Zeitungsillustration, vielleicht einer Getränkereklame, entnommen wurde, ist das Motiv so stark ins Dekorative verfremdet, dass es wie geadelt erscheint.
1 Vgl. Bruce Glaser, Oldenburg. Lichtenstein Warhol: A Discussion , in: Artforum 4/6, 1966. S. 21
vgl. R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 374, Nr. 124.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/305700/glass-and-lemon-before-a-mirrorImage Request