AC over DG
Ross Bleckner
2004
Der New Yorker Ross Bleckner gehört zu den erfolgreichsten Künstlern seiner Generation. Seit 1975 stellt er auf der ganzen Welt aus, und seine Bilder sind im Laufe der letzten Jahre in die bedeutendsten Sammlungen von Gegenwartskunst gelangt.
Bleckner ist durch und durch Maler, aber ein Maler, der sich nicht auf einen bestimmten Stil festlegen lässt. Das zeigt auch das vorliegende Großformat aus dem Jahr 2004, das, wie Bleckners Biograph Richard Milazzo ausführt, an der Schnittstelle von zwei sehr unterschiedlichen Schaffensphasen steht. Einerseits beschliesst es die Reihe der Inheritance paintings, andererseits nimmt es die Serie der Meditation pictures vorweg.[1] In der Tat experimentiert der Künstler hier mit ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen. Was auf den ersten Blick wie ein völlig ungegenständliches "All over" aus roten Pinselstrichen aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Vielzahl im Raum schwebender, herbstlich verfärbter Blätter, die ein scharfer Wind durcheinander zu wirbeln scheint. Und da jedes Blatt einen zarten Schatten auf den silbergrauen Grund wirft, entsteht im Bild der Eindruck von Bewegung und Räumlichkeit.
Auf die kommende Entwicklung weise an diesem Bild vor allem die Tatsache, dass der Blätterwirbel weder Anfang noch Ende habe und dass der Hintergrund ein form- und dimensionsloses Vakuum sei, schreibt Milazzo.[2] In der Tat scheint es, als würden die Blätter gegen den Rand hin immer langsamer und schwächer, um sich schliesslich in nichts aufzulösen.
Eine solche auf etwas Sichtbares, Wirkliches abzielende Interpretation darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bleckners Bilder letztlich völlig abstrakte Gebilde sind, sie also nichts Bestimmtes darstellen oder zumindest ganz verschiedene Deutungen zulassen. Aber auch in einem völlig abstrakten Bild verbergen sich immer Bezüge zur Wirklichkeit – wenn nicht zur äußeren, so doch zur inneren Wirklichkeit, also zu dem, was der Künstler denkt und fühlt.
