Kym
Alex Katz
2007
Rahmenaußenmaß 125 × 156,4 × 6,8 cm
Ende der 50er Jahre findet der Amerikaner Alex Katz, Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, zu seinem persönlichen künstlerischen Ausdruck. Charakteristisch dafür sind überlebensgroße Bildnisse von Zeitgenossen, vor allem Familienangehörigen, deren physische Erscheinung wie auf gemalten Filmplakaten ganz auf das Wesentliche reduziert ist. Dem harten, kalten Licht, das von vorne auf ihre Gesichter fällt, widerstehen nur wenige Züge, sodass die Gesichter fast ebenso flach und regungslos wirken wie die Gründe hinter ihnen, die meist auf einen einzigen Farbton beschränkt sind, am häufigsten auf ein kühles Gelb.
Meist ist auf den Bildern nur eine einzige Figur dargestellt, manchmal sind es auch zwei, drei oder mehr Figuren. Von ihrem Körper ist aber nur selten mehr zu sehen als der Hals, die Schultern und die Brust. Doch obschon den Künstler vor allem die Gesichter zu interessieren scheinen, verzichtet er auf jede psychologische Charakterisierung. Er erfasst nur den äußeren Schein, also das, was auf die Schnelle sichtbar ist. Bemerkenswert auch, dass es sich bei seinen Modellen immer um auffallend schöne Menschen handelt, wobei in diesem Fall der Begriff „schön“ als Ausdruck des zeittypischen amerikanischen Geschmacks, des „Glamour“, zu verstehen ist. Unterstrichen wird dies oft noch durch modische Accessoires wie Sonnenbrillen oder Kopftücher, aber auch durch eine sehr gewählte Farbgebung, die wie die Bildwelt merkwürdig unterkühlt wirkt.
All dies führt dazu, dass man versucht ist, diesen Künstler als Meister der postmodernen Coolness zu bezeichnen. Wie in den USA üblich, verbirgt Katz seine wahren Gefühle unter einer perfekt gestylten Oberfläche, ohne aber deswegen ins Triviale abzugleiten. Sowohl in der Malerei als auch in der Mode gehe es darum, sich in der gegenwärtigen Zeit aufzuhalten, sagte er einmal in einem Interview; daraus beziehe sowohl sein Malstil als auch die Mode ihre Energie. „Der Unterschied besteht darin, dass der Stil bleibt und die Mode verschwindet.“[1]
Merkwürdigerweise mutet Alex Katz’ technische Vorgehensweise dagegen fast altmeisterlich an. Im Gegensatz zu Pop-Künstlern wie Andy Warhol oder Robert Rauschenberg geht er nicht von Photographien aus, sondern hält das Motiv mithilfe einer kleinen, rasch hingeworfenen Farbskizze fest. Ausgehend von dieser Skizze fertigt er darauf eine lineare Zeichnung im endgültigen Bildformat an, die er, ähnlich wie dies im Mittelalter Freskenmaler und Teppichwirker taten, Strich um Strich auf den Malgrund überträgt. Im Gegensatz zu diesen aufwändigen Vorbereitungsarbeiten ist der eigentliche Malprozess jeweils erstaunlich schnell erledigt: Zum Malen eines so riesigen Bildes wie zum Beispiel Trio (Inv. GE342DL) – es hat immerhin eine Breite von 366 Zentimetern – soll der Künstler jeweils keine acht Stunden brauchen. Interessant ist im Übrigen auch, dass er als Malmaterial nicht das moderne Acryl verwendet, sondern die traditionelle Ölfarbe, und dass er modernen Bildträgern Leinwand vorzieht.
[1] Zitiert nach dem Ausst.-Kat. Alex Katz – In your face, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 2002, S. 129.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf
Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen
2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz
2012), Vaduz 2012, S. 156, Kat. 40.
