Bildnis Dirck Volkertsz. Coornhert
Hendrick Goltzius
um 1591/92
Dirck Volckertsz. Coornhert (1522-1590) war ab etwa 1574/75 der erste und einzige Lehrer von Hendrick Goltzius. Von diesem vielseitig gebildeten Humanisten, der aus religiösen und politischen Gründen aus den Niederlanden nach Xanten ins Exil gegangen war, erlernte Goltzius nicht nur die Kunst des Kupferstechens; auch auf spirituellem und intellektuellem Gebiet wurde Coornhert sein Mentor. Als dieser 1577 in seinen von den Spaniern befreiten Wohnort Haarlem zurückkehrte, folgte ihm sein Schüler bald nach. In dieser geistig wie künstlerisch höchst anregenden Stadt startete der junge Künstler seine erfolgreiche Karriere; ab 1582 druckte er seine eigenen Kupferstiche.
Nach seiner Rückkehr aus Italien 1591 fertigte Goltzius das hier gezeigte posthume Porträt seines verehrten Lehrmeisters an, der im Jahr zuvor verstorben war. Ob diesem Kupferstich eine Zeichnung zugrunde lag - im ovalen Rand sind die Worte "ad vivum depictus" (nach dem Leben wiedergegeben) zu lesen -, lässt sich nicht überprüfen. Jedenfalls ist dieses größte gestochene Bildnis im Œuvre des Künstlers von einem fast erschütternden Realismus geprägt. Goltzius' Porträtstil hat sich in Italien stark gewandelt; die Monumentalität und die scharf beobachteten Details, durch die seine dort entstandenen farbigen Kreidezeichnungen gekennzeichnet sind, finden im Coornhert-Bildnis ihren unverkennbaren Niederschlag. Fast sprengt der Porträtierte, dessen (im Druck) linke Schulter leicht auswärts gedreht ist, mit seinem Körpervolumen den ovalen Rahmen. Von großer Eindringlichkeit ist der forschende, leicht über den Betrachter hinweg gerichtete Blick. Mit erstaunlicher Akribie beschreibt Goltzius die physiognomischen Details - von den Falten im Gesicht, den Tränensäcken, den geschwollenen Adern an den Schläfen und den Warzen auf der Stirn und bei der Nase bis hin zu den wirren, teils vom Licht erfassten Haaren. Offenbar hat Goltzius hier sämtliche Register seines grafischen Könnens gezogen, um die physische Präsenz seines Lehrmeisters möglichst überzeugend zu vermitteln.
Nachträglich hat Goltzius das ursprünglich nur als Ovalform gedruckte Bildnis rundherum um die Symbole der verschiedenen Interessensgebiete und Talente des Dargestellten ergänzt. Die Bücher und Schriften links oben weisen auf Coornherts intellektuelle Tätigkeit hin, rechts oben zeigt sich das Instrumentarium des Kupferstechers, rechts unten sind Musikinstrumente und Notenbücher zu sehen, während die Stichwaffen und die Handschuhe links unten seine Begabung auf dem Gebiet der Fechtkunst versinnbildlichen. Offenbar war Goltzius viel daran gelegen, den überragenden und vielseitigen Qualitäten seines bewunderten Lehrers im wahrsten Sinne ein Denkmal zu setzen.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 6, S. 26.
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