Quo Numine Laeso
Morris Louis
1959
Mit den sogenannten veil paintings, den Schleierbildern, gelingt dem Amerikaner Morris Louis in den 1950er-Jahren der künstlerische Durchbruch: Große, ungespannte und ungrundierte Leinwände werden mit stark verdünnter Acrylfarbe übergossen, die Farbe fließt frei, sucht sich in Rinnsalen einen Weg durch die Falten, sickert in das Gewebe ein, setzt sich in subtilen Farbtönen in der Leinwand fest. Lasierende Farben durchdringen einander und breiten sich wellenartig auf dem Malgrund aus. Aber nur scheinbar ist es dem Pigment erlaubt, frei vom Eingriff des Künstlers zu agieren, denn die Leinwand wurde zuvor gefaltet und geformt, um den Fluss der Farbe zu kontrollieren und zu manipulieren. So bleibt die Betonung der Beziehungen zwischen den frei fließenden Farben auch ohne offensichtliche Komposition letztlich in der Hand des Künstlers. Die Illusion eines Tiefenraums ist eliminiert: Die Farbe liegt nicht auf der Oberfläche auf, sondern wird Teil der Oberfläche selbst. Somit ist der zentralen Forderung der Zeit, wonach die Flächigkeit des Bildträgers als ureigenes Charakteristikum der Malerei hervorzuheben und eine unabdingbare Grundvoraussetzung jeglichen Schaffens sei, nicht nur Genüge getan. Sie ist damit auch auf die Spitze getrieben.
It was with his veil paintings with which the American Morris Louis made his breakthrough as an artist in the 1950s: he poured extremely diluted acrylics onto large-size, unstretched and unprimed canvases, letting them flow free, the paint finding its way through the folds in trickles, seeping into the fabric, and settling in the canvas in subtle nuances. Translucent washes merge with each other and spread across the ground like waves. Yet the pigment has only seemingly broken free from the intention of the artist, who has folded and formed the canvas to control and manipulate the flow of paint. Emphasizing the relationship between the freely flowing colours has ultimately remained in his hands despite the lack of an obvious composition. The illusion of a space with depth has been eliminated: the paint is no longer a layer on the surface but has become an integral part of it. The crucial demand of the time according to which the two-dimensional character of the support had to be brought out as an indispensable prerequisite of artistic production is not only met but carried to extremes.
Rahmenaußenmaß: 272,3 × 202,5 × 6 cm
