Baumreiches Ufer mit einem Taubenschlag
Jan Josefsz. van Goyen
1652
Die zahlreichen Landschaftszeichnungen aus den späten Lebensjahren Jan van Goyens tragen aufgrund ihrer lockeren Ausführung den Charakter der spontanen Auseinandersetzung mit der sichtbaren Wirklichkeit. Diese relativ kleinen, in schwarzer Kreide ausgeführten und durchgängig grau lavierten Blätter scheinen auf den ersten Blick unmittelbar nach der Natur entstanden zu sein. In Wirklichkeit schuf van Goyen diese zumeist datierten und monogrammierten Arbeiten aus der Erinnerung oder auf Grundlage seiner Reiseskizzen (siehe Inv. 8524). Von diesen Pseudo-"nach dem Leben"-Blättern sind allein schon aus den Jahren 1652 und 1653, in denen die hier vorgestellten Zeichnungen (Inv. 8518, Inv. 8519, Inv. 17584) entstanden sind, über 350 signierte und datierte Blätter bekannt. Die Nachfrage nach diesen in sich geschlossenen, autonomen Blättern, in denen Eigenart und Vielfalt der holländischen Landschaft immer noch unmittelbar nachvollziehbar sind, muss sehr groß gewesen sein.
Trotz der Wiederkehr bestimmter Motivkombinationen oder Standardkompositionen geht van Goyen in jeder Zeichnung ganz neu an seine Thematik heran; eigenhändige Repliken kommen - anders als bei seinem Kollegen #Pieter de Molyn - in seinem Œuvre nicht vor. Aufgrund der lebhaften Imaginationskraft des Künstlers zeigt jede seiner Landschaftsdarstellung ihre eigene Prägung und einen spezifischen Stimmungswert; die immense Produktivität des Künstlers tut der unmittelbaren Frische seiner Schöpfungen keinen Abbruch.
Die nahsichtige, leicht perspektivische Wiedergabe einer baumreichen Uferpartie entspricht einer häufigen Kompositionsmethode des Künstlers. In diesem Blatt dominiert die dichte Abfolge unruhiger Formen, die sich im Wasser spiegeln; hervorgehoben werden hier betont unspektakuläre Motive wie krumm gewachsene, überhängende Bäume sowie Gerümpel, verfallene Hütten und ein Taubenschlag. Über zwei bemannte Ruderboote hinweg blickt man in die Richtung des weit entfernten gegenüberliegenden Ufers. Die fast malerische Unruhe wird von der nervösen Dynamik der Kreidelinien unterstrichen, die sich besonders in den gekringelten Laubmassen bemerkbar macht. Große Aufmerksamkeit schenkt van Goyen der subtilen Wirkung des Sonnenlichts und den suggestiven, flüchtig lavierten Wasserspiegelungen.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 48, S. 110-112.
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