Totenmaske Egon Schieles
Gustinus Ambrosi
2. November 1918
Die Innenseite der Totenmaske trägt folgende handschriftlichen Vermerke von der Hand Gustinus Ambrosis: Egon Schiele | Original ! | 2. XI. 1918 | Ambrosi | Vervielfältigung | bei 5000 K [Kronen] Strafe | verboten
Gustinus Ambrosi nahm Egon Schiele am 1. November 1918 die Totenmaske ab und stellte von der Negativform drei eigenhändige Abgüsse her, die er wahrscheinlich alle als Originale bezeichnete.
Eine Niederschrift von Gustinus Ambrosi gibt Auskunft darüber, dass 3 eigenhändige Abgüsse existieren: einen erhielt die Mutter Schieles, einen Arthur Roessler und einen behielt Gustinus Ambros. Das Original [Anm.: hier war wahrscheinlich vom Negativgipsabdruck die Rede] vermachte Ambrosi dem Buchhändler und Sammler Richard Lányi (Wien 1884-1942 Auschwitz). [Siehe Niederschrift von Gustinus Ambrosi vom November 1918 in der ÖNB: Wien/A - Inv. Nr.: Ö. N. B. 1282/28-4 Han Autogr. (http://www.schiele-dokumentation.at/objekt.php?id=1999§)].
In einem Brief vom 29. Mai 1946 an Wolfgang Rochowanski erinnert sich Gustinus Ambrosi an die Abnahme der Totenmaske: „Und da lese ich wieder den Namen: Schiele. Und sehe mich am kleinen Kirchhof von Ober St. Veit an einem septemberlichen [Anm.: hier irrt Ambrosi, es war der 1. November] Regentag zur kleinen Leichenhalle eintreten. Ein lichtbrauner Nußholzsarg lag am Boden mit einem Kreuz am Deckel. Ich hob ihn mit dem Totengräber auf ein Gerüst, öffnete den Deckel und sah ihm noch einmal tief ins Gesicht. Da lag er in seiner Schmalheit im Smoking; gefaltet hielten seine durch die wächserne Erscheinung geneigt, - ich nahm ihm Kravatte und Kragen ab und schuf die Form der Totenmaske... Als ich dann den Gips abnahm, hoben sich durch die Verkittung der Masse die Augenlider und er sah mit unbeschreiblicher Traurigkeit nach mir. Ergriffen drückte ich ihm die Augen zu, legte ihm einen mitgebrachten Lorbeerzweig an die Brust und schloß den Sarg.- Der Regen hatte nachgelassen, Herbstsonne des frühen Nachmittags schien zur offenen Tür herein als ich hinaus trat und mir war, als klänge ein wehmütig Vogellied aus den herbstlich leuchtenden Bäumen." (http://www.schiele-dokumentation.at/browserecord.php?-action=browse&-recid=204584&-skip=0&-max=10§)
Eine Postkarte, die die Tochter des Sammlers und Egon Schiele Archiv-Gründers Max Wagner, Anneliese Wagner, Anfang 1940 an Ing. Erhard Scheffenegger schrieb, gibt Auskunft über die Provenienz der Totenmaske: „Lieber Erhard, muß dir doch schnell unsere neueste Erwerbung mitteilen. Die Totenmaske von Schiele! Ambrosi hatte 3 Masken abgenommen, eine für sich, eine für R–r [Arthur Roessler] u. die 3. konnte Papa gestern v. R–r erwerben [Anm.: Wagner´s Tochter vergaß die Maske, die die Mutter Schieles erhalten hatte]. Wundervoll – falls man den Ausdruck in diesem Fall gebrauchen kann. Innen von Ambrosi in seiner feinen Schrift selbst Datum, „Originalmaske“, Unterschrift u. „Nachahmung bei 5000 Kronen Geldstrafe verboten“ geschrieben. Papa sitzt – Sonntag – natürlich wieder [Anm.: Stenokürzel] über [Anm.: Stenokürzel] den Kontobögen u. so alle Stunden holt er sich die Maske hervor u. erholt sich dabei. Jetzt haben wir 3, du (2), ich (3), Papa (1) schon bald eine kl. Schielesammlung. – Gestern habe ich in letzter Minute noch den eingeschriebenen Brief aufgegeben. Hast schon [Anm.: Stenokürzel] dein Zimmer? Ist es nicht nötig, in Edling selbst zu wohnen? Soll ich ev. den elektr. Kocher mitnehmen (x)? Wenn ich nur wüßte ob dieses Seeboden III mich I u. teilweise II vergessen läßt. Willst dich bemühen? Ich auch. – Morgen gehe ich zu den Häuservermittlern. Wahrscheinlich als „Frau Gemahlin“, sonst schauts so dumm aus. Werde mich schön machen. H [Herzlichst] Anneliese [mit fremder Hand: Wagner, Tochter Max Wagner] (x) 110-220 Volt Gleichstrom
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