Theuerdank: Bild 116 - Theuerdank reicht Ehrenreich die Hand dar, die von Ehrenreich hier noch nicht angenommen wird, da die Ehe erst vollzogen wird, wenn Theuerdank vom Kreuzzug zurückgekehrt ist
Leonhard Beck
1517
Platte: 15,9 x 13,8 cm
Andere (Band): 35,5 x 25,5 x 6,4 cm (14 x 10 1/16 x 2 1/2 in.)
Maximilians Theuerdank (1517), das einzige seiner Buchprojekte, dessen Fertigstellung der Kaiser selbst noch erlebt hat, ist ein höfisches Ritterepos in Versform. Es erzählt von seinen eigenen Erlebnissen als Jäger oder als Abenteurer während seiner Brautfahrt, in deren Verlauf der junge Prinz mit seinen Rivalen um die Gunst seiner späteren Ehefrau buhlt. Der Name des Helden der Geschichte, Theuerdank, verweist auf »edle oder hochgestimmte Gedanken«, und der seiner königlichen Braut, Ehrenreich, bedeutet natürlich »reich an Ehre« (und steht für Maria von Burgund). Der letzte Teil des Buches (Kapitel 98–112) beschreibt die erfolgreiche Werbung des Helden um seine neue Königin durch Turnierkämpfe zu Pferd mit Lanze und zu Fuß. Der volle Titel lautet:
Die geuerlicheiten vnd einsteils der geschichten des loblichen streytparen vnd hochberümbten helds vnd Ritters herr Tewrdannckhs (Die Gefahren und ein Teil der Geschichten des löblichen, streitbaren und hochberühmten Helden und Ritters, Herrn Theuerdank). Die in ihren Grundzügen wohl von Maximilian selbst konzipierte Geschichte handelt von der Tapferkeit und von anderen ritterlichen Tugenden eines Helden, der alle Hindernisse überwindet, seien sie nun naturgegeben oder von Menschen bereitet. Dabei folgte Maximilian dem Beispiel ehrwürdiger Vorbilder, den Heldenbüchern der deutschen Literatur des Mittelalters.
Theuerdanks unzählige Abenteuer entwickeln sich aus den Gefahren, denen sich der Held auf der Jagd oder in Kämpfen, zu Wasser oder in den Bergen stellen muss. Seine ritterlichen Tugenden werden durch dieselben Herausforderungen auf die Probe gestellt – nämlich Jagd und Krieg –, die auch in Maximilians anderen Auftragswerken, etwa dem Triumphzug (Inv. 25205 - Inv. 25263) und dem Weißkunig (Albertina, Inv. Cim. II/6), im Mittelpunkt stehen. Die meisten Fährnisse ereignen sich im Widerstreit mit Gegnern, die als Personifikationen negativer Eigenschaften Gefahren für den Ritter heraufbeschwören: Fürwitz oder Übermut (Fürwittig, mit Jugend assoziiert), Unfall (Unfalo) und Neid oder Missgunst (Neidelhart). In einem Bild (Nr. 10, von Hans Schäufelein) wird der junge Held sogar von einem ganz besonderen Widersacher in Versuchung geführt, einem »bösen Geist«, der zwar in Gelehrtentracht auftritt, sich durch seine klauenbewehrten Füße aber als Teufel offenbart. Der weise und standhafte Theuerdank entscheidet sich jedoch für ein Leben zur »Ehre Gottes« und wird schließlich in Kapitel 115 von einem Engel besucht, der ihn zu einem Kreuzzug ins Heilige Land ermutigt. Die beiden letzten Bilder öffnen den Blick auf die Zukunft des Helden: In der ersten Szene zieht der junge Herrscher als geharnischter Ritter unter dem Banner des hl. Georg in den Kreuzzug (Nr. 117, von Leonhard Beck), die letzte zeigt, wie er mit seinem Freund und Herold, Ehrenhold, unerschrocken und unter Gottes Schutz dem Kommenden entgegentritt (Nr. 118, von Hans Burgkmair). Einige Verse in Kapitel 113 sprechen den Wunsch der Königin Ehrenreich aus, er möge einen Angriff gegen die Feinde der Christenheit (gemeint sind die Osmanen) anführen.
Drei Künstler arbeiteten an den Illustrationen: Den Großteil schuf mit 77 Holzschnitten Leonhard Beck, der auch einige kleine Korrekturen an den Probedrucken ausführte (bewahrt in Wien, ÖNB, Cod. 2833; 101 Holzschnitte mit fünf Tuscheskizzen). Beck, seit dem Jahr 1503 Meister in Augsburg, entwarf auch viele der Holzschnitte für den Weißkunig und die Die Heiligen der Sipp-, Mag- und Schwägerschaft (Kat. 23). Hans Burgkmair d. Ä. (13) und Hans Schäufelein (20) fertigten die meisten übrigen Illustrationen und bezeichneten etliche davon mit ihren Monogrammen. Der Aufenthalt Schäufeleins in Augsburg (vgl. Metzger 2002), der zuvor in Nürnberg in Verbindung mit der Dürer-Werkstatt tätig war, ist für die Produktionsphase des Theuerdank archivalisch dokumentiert. Die acht verbleibenden Blätter konnten bisher nicht zugeschrieben werden.
300 Exemplare des Theuerdank wurden auf Papier gedruckt, darüber hinaus eine limitierte Auflage von 40 Ausgaben im Folioformat auf Pergament. Seine Illustrationen wurden oft von Hand koloriert, um den höfischen Luxus illuminierter Manuskripte vorzuspiegeln. Der Text wurde in einer sorgfältig ausgearbeiteten gotischen Fraktur gesetzt, die Zierschriften nachahmte und, einem Wunsch Maximilians folgend, der kaiserlichen Kanzleischrift nachempfunden war. Kennzeichnend für die Schrifttype des Theuerdank sind die bewegten s-förmigen Schnörkel (sog. Elefantenrüssel), die von Vinzenz Rocker gezeichnet und von Jost de Negker geschnitten wurden. Die Herstellung des Buches wurde vom kaiserlichen Hofbuchdrucker (»geheimen Drucker«) Johann Schönsperger besorgt, der vier Jahre zuvor auch Maximilians unvollendet gebliebenes Gebetbuch herausgegeben hatte. Die Produktion lief also wie gewöhnlich in Gemeinschaftsarbeit ab. Die Schlussredaktion übernahm 1514 der Stiftspropst von St. Sebald in Nürnberg, Melchior Pfinzing, der einen »Schlüssel« (»Clavis«) für die Identitäten der Hauptpersonen hinzufügte, Hinweise auf aktuelle Ereignisse gab und zur weiteren Erklärung auf den Weißkunig verwies. Maximilian plante sogar, eine lateinische Übersetzung des Theuerdank herauszubringen, doch eine dem König Ferdinand gewidmete Übertragung aus der Feder des italienischen Humanisten Riccardo Sbruglio unter dem Titel Magnanimus wurde nie veröffentlicht (Wien, ÖNB, Cod. 9976).
Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, S. 285.
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