Synagoge
Tobias Stimmer
1572 (?)
Tobias Stimmer wurde 1539 in Schaffhausen als ältestes von elf Kindern geboren, von denen vier Brüder ebenfalls Künstler wurden. Stimmer war ein außerordentlich vielseitiger Meister, er schuf Einzigartiges auf dem Gebiet der Porträtmalerei, dekorierte Häuserfassaden, war Zeichner, Formschneider und fertigte Entwürfe für Glasmalereien. Seine Tätigkeit für den Holzschnitt war überaus produktiv. Von ihm stammen zahlreiche Entwürfe für Einzelblätter sowie für umfangreiche Buchillustrationen, zu denen etwa die aus 170 Holzschnitten bestehende Bilderbibel oder die Kopien nach der Porträtsammlung des Geschichtsschreibers Paolo Giovio in Como gehören. Ab 1568 war er für Buchdrucker und Verleger in Straßburg und Zürich tätig, und zwischen 1570 und 1577 hielt er sich in Straßburg auf, wo die künstlerische Ausschmückung der astronomischen Uhr im Münster zu seinen bedeutendsten Arbeiten zählt. Das Hauptwerk seiner späten Schaffenszeit sind die Malereien im Großen Festsaal in dem für Markgraf Philipp II. erbauten Schloss von Baden-Baden (nicht erhalten). Stimmer stirbt 1584 in seinem 45. Lebensjahr. Die beiden Clair-obscur-Holzschnitte der Albertina (siehe auch Inv. DG1957/243) sind als Pendants konzipiert und entstanden wohl während seiner Arbeit (1571–1574) an der Dekoration der astronomischen Uhr, vielleicht 1572, als er ein Fresko am südlichen Querhausgiebel des Straßburger Münsters malte. Sie geben die beiden um 1235 geschaffenen Steinskulpturen Ecclesia und Synagoge am Südportal wieder (Wien 2013, Abb. 76, 77). Die beiden weiblichen Gestalten sind Personifikationen des Alten und Neuen Bundes. Ecclesia vertritt die neutestamentarische christliche Gemeinschaft und nimmt mit der Krone auf dem Haupt, dem Kreuz und dem Kelch eine triumphierende Haltung gegenüber der Synagoge ein, die das alttestamentarische Judentum repräsentiert. Diese wird als ohnmächtig und gedemütigt gezeigt, die Krone ist zu Boden gefallen, die Gesetzestafeln gleiten ihr aus der Hand, die Lanze ist zerbrochen und ihre Augen bedeckt eine Binde, welche die Blindheit des Judentums gegenüber der christlichen Botschaft symbolisieren soll. Stimmer hat in den beiden Blättern einige Abänderungen der gotischen Skulpturen vorgenommen. Ecclesia erscheint seitengleich, Synagoge jedoch gegensinnig, wodurch zwischen beiden Gestalten ein Dialog entsteht, wie P. Tanner (Basel 1984) gesehen hat. Im Unterschied zu den Skulpturen mit ihren gelängten Proportionen und den von langen Faltenbahnen durchzogenen Gewändern, welche die Körper überspielen, sind die beiden Allegorien Stimmers kraftvolle Frauengestalten, die in antikischer Kontraposthaltung auftreten und deren plastisch gerundete Gliedmaßen sich unter den Kleidern abzeichnen. Sie stehen vor ruinös gestalteten antikischen Halbrundnischen. Mauerdurchbrüche geben den Blick auf Nebenszenen mit der Verkündigung an die Hirten und der Übergabe der Gesetzestafeln frei, wodurch der typologische Charakter der beiden Figuren noch deutlicher hervortritt (P. Tanner, Basel 1984). Die beiden Straßburger Skulpturen Ecclesia und Synagoge erscheinen jedoch ebenbürtig und unterscheiden sich lediglich durch ihre Attribute, wodurch der Gedanke der Einheit des Alten und des Neuen Bundes, der Concordia veteris et novi Testamenti, zum Ausdruck kommt. Stimmer verschärft demgegenüber den Gegensatz, indem er die Vertreterin des christlichen Glaubens stolz und selbstbewusst, ihre Gegenspielerin hingegen traurig und resigniert auftreten lässt. Während der Künstler die nicht erhaltenen Vorzeichnungen für die Darstellungen schuf, übernahm die Ausführung der beiden Blätter der Straßburger Formschneider, Buchdrucker und Verleger Bernhard Jobin, für den Stimmer zahlreiche Illustrationen zeichnete. Stimmer wurde am 4. August 1570 Pate von Jobins ältestem Sohn. Jobins Frau war die Schwester des protestantischen Schriftstellers Johann Fischart, für den Stimmer mehrere Schriften illustrierte. Von Fischart stammt wohl auch der erklärende Text am oberen und unteren Rand der beiden Holzschnitte, der bei dem Exemplar der Ecclesia in der Albertina allerdings abgeschnitten ist. Die Verse besagen, dass die beiden Clair-obscur-Holzschnitte den Zweck haben, der Nachwelt das Aussehen dieser beiden Kunstwerke sowie die ihnen im Mittelalter zukommende theologische Bedeutung zu überliefern. Der Text »Mit Christi Blut überwind ich dich« über der Ecclesia lässt an Darstellungen der Kreuzigung denken, in denen die Frauengestalt mit dem Kelch das Blut aus der Seitenwunde auffängt. Der Synagoge bleibt diese heilbringende Gnadengabe hingegen verwehrt. Sie ist ihr gegenüber blind, was der vorangestellte Text »Dasselbige Blut das blendet mich« zum Ausdruck bringen soll. Die beiden Clair-obscur-Holzschnitte sind die einzigen im druckgraphischen Werk von Stimmer und blieben ohne unmittelbare Nachfolge. Der Stil knüpft weder an die Werke seiner in Straßburg tätigen Vorgänger Hans Wechtlin und Baldung Grien noch an die der Wegbereiter der neuen Technik, Lucas Cranach und Hans Burgkmair, an. Die breitflächig druckenden, kräftige Kontraste bildenden Tonplatten mit ihren Farbfeldern, die wie mit dem Pinsel aufgetragen erscheinen, kommen den späten malerischen Holzschnitten Ugo da Carpis und mehr noch denen Niccolò Vicentinos sehr nahe. Gegenüber Vicentinos Blättern erhält jedoch die schwarze Strichplatte eine größere Bedeutung, indem sie Details herausarbeitet und Schattierungen wiedergibt. Die schwarze Strichplatte hat aber keineswegs mehr die deskriptive, die Darstellung vollständig mit ihren Linien beschreibende Funktion, wie dies für die frühen deutschen Beispiele charakteristisch ist.
Literatur: Andresen 1866, S. 37f., Nr. 41; Stolberg 1901, S. 8; Reichel 1926, S. 26; Schulz 1938, S. 61; Schaffhausen 1939, Nr. 126; Bendel 1940, S. 70; Strauss 1973, Nr. 67; Basel 1984, Nr. 148 (Text v. P. Tanner)
