Lucy Ashton und der erstochene Lord Arthur Buclaw (?)
Alexandre-Évariste Fragonard
um 1830
Alexandre-Évariste Fragonard, Sohn und Schüler des #Jean-Honoré, war Maler und Bildhauer. Er debütierte bereits 1793 als Dreizehnjähriger mit einer Zeichnung im Pariser Salon. Zu Beginn seines künstlerischen Schaffens bevorzugte er Porträts, mythologische und zeitgeschichtliche Themen. Ab ca. 1820 lassen Darstellungen aus der älteren französischen Geschichte, vor allem dem Mittelalter und der Renaissance, den Einfluss der "Troubadour-Malerei" (siehe dazu: Marie-Claude Chaudonneret, La Peinture-Troubadour, deux artistes lyonnais, Pierre Révoil [1776-1842], Fleury Richard [1777-1852], Paris 1980) erkennen, deren Vertreter wie z.B. #Fleury Richard und #Pierre Révoil vornehmlich anekdotisch-moralisierende Szenen aus der nationalen Vergangenheit, aus Märchen und Legenden wiedergeben. Eine wesentliche Inspirationsquelle bildeten auch die historischen Romane von #Walter Scott, die ab 1816 ins Französische übersetzt wurden und deren Illustrationen, vor allem der Brüder #Alfred und #Tony Johannot, viel Anklang und große Breitenwirkung fanden.
Möglicherweise war Fragonards dramatische, auf effektvolle Wirkung bedachte Darstellung als Vorlage für eine Romanillustration gedacht. Die nicht näher identifizierbare Szene zeigt eine vornehm gekleidete junge Frau mit schreckhaft geweiteten Augen, deren Züge ein seltsam entrücktes Lächeln umspielt. Sie steht mit zum Gebet gefalteten Händen im Freien unter nächtlichem, gespenstisch von Blitzen durchzucktem Himmel. Zu ihren Füßen liegt in einer Blutlache die Leiche eines erdolchten Mannes mit entblößtem Oberkörper. Der Hintergrund gibt den Blick auf einen Fluss mit Brücke und einer größeren Stadt mit einer gotischen Kathedrale im Hintergrund frei. Das eigentliche Geschehen ist grell beleuchtet und kontrastiert zu dem bedrohlich schwarzen Gewitterhimmel, der die Spannung dramatisch verstärkt. Die Darstellung erinnert im ersten Moment an Walter Scotts Roman "The Bride of Lammermoor" (1819): wenn die noch bräutlich geschmückte Lucy Ashton ihren gegen ihren Willen angetrauten Ehemann Lord Arthur Buclaw in geistiger Verwirrung in der Hochzeitsnacht ersticht. Im Roman selbst spielt dieses Szene jedoch nicht im Freien, sondern im Brautgemach von Schloss Ravenswood. Zieht man aber in Betracht, dass Fragonard eine besondere Vorliebe für spektakulär inszenierte Szenen hatte, in denen er Spannung und Dramatik häufig mit Hilfe theatralischer Lichteffekte zu steigern vermochte, ließe sich diese künstlerische Freiheit im Hinblick auf eine intensivere Wirkung des unheimlichen Geschehens erklären. In Dramaturgie, Ausdruckskraft sowie einer dynamischen, breit angelegten Pinselführung entfernt sich Fragonard mit diesem Aquarell bereits von den künstlerischen Intentionen der "peintres troubadour" und ihrer ziselierenden, an holländische Vorbilder des 17. Jahrhunderts erinnernden Feinmalerei. Farbdynamik und Expressivität, charakteristische Merkmale der Kunst von #Eugène Delacroix, verleihen der Darstellung vielmehr Züge der romantischen Strömung und sprechen eher für eine Entstehung um 1830.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 348, Nr. 155.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/33790/lucy-ashton-und-der-erstochene-lord-arthur-buclaw-Image Request