Die Araber von Oran
Eugène Delacroix
1832
1832 bot sich Delacroix die Gelegenheit, die ihn seit langem faszinierende Welt des Orients, die er bis dahin nur nach Handschriften, Reiseberichten, Dichtungen, Kostüm- und Waffensammlungen studieren konnte, kennen zu lernen. Er wurde eingeladen, die französische Delegation unter der Leitung des Botschafters #Louis Philippe, Graf Charles de Mornay, nach Nordafrika zu begleiten. Graf de Mornay erhielt den diplomatischen Auftrag nach Algerien zu reisen, das seit 1830 unter französischer Herrschaft stand, um mit dem Sultan von Marokko #Muley-abd-al Rahman in Hinblick auf friedliche nachbarliche Beziehungen in Kontakt zu treten. Am 11.1. reisten sie mit dem Schiff von Toulon nach Tanger, wo sie am 24.1. ankamen und sechs Wochen blieben. Am 5.3. begab sich die Delegation zur Residenz des Sultans nach Meknès, der sie am 22.3. empfing. Zurück in Tanger, nützte Delacroix die Gelegenheit, um allein nach Spanien zu fahren und Cadiz und Sevilla zu besichtigen. Am 1.6. war er wieder zurück in Tanger, von wo die Gesandtschaft am 10.6. aufbrach, um über Oran (18.6.) und Algier (25.-28.6.) nach Toulon heimzukehren.
Sieben Skizzenbücher mit Tagebuchnotizen, von denen nur drei vollständig erhalten sind, belegen Delacroix´ vielfältige schillernde Eindrücke dieser Reise. Nach seiner Rückkehr griff Delacroix immer wieder einzelne Motive auf, um sie in den verschiedensten Techniken neu zu gestalten. Ein Beispiel dafür ist die kleine schlichte Bleistiftzeichnung der Albertina mit zwei an einem Abhang rastenden Arabern: Der eine ist seitlich liegend in seinen dunklen Burnus gehüllt mit auf den Betrachter gerichtetem Blick, der andere sitzend und in die Weite schauend wiedergegeben. Delacroix hat die beiden ruhenden Männer vor der algerischen Stadt Oran festgehalten. Auf dieser Vorlage basieren fünf weitere Fassungen. Vermutlich noch während der Reise entstand das bis zu den kleinen Felsbrocken am Wegrand idente Aquarell aus dem Besitz de Mornays (AK Frankfurt 1987/88, Nr. H 19; AK Paris 1994/95, Nr. 55), das im Vergleich zur Bleistiftskizze mit Hilfe der Farbe atmosphärische Dichte, Licht und Stimmung einer heißen, trockenen Gegend verstärkt zum Ausdruck bringt.
1833 wiederholt Delacroix diese Szene als Radierung - in der sie seitenverkehrt erscheint - mit dem eigenhändigen Titel "Arabes d´ Oran" (Delteil, Nr. 20). Die Figuren sind durch die Reduktion der Landschaft, erhöhten Blickpunkt und betont rahmenden Elemente wie Wanderstab und Ranzen deutlicher in den Mittelpunkt der Darstellung gerückt. Eine lavierte Zeichnung, ehemals in der Sammlung E. Rouart, heute verschollen, dürfte in unmittelbarem Zusammenhang mit der Radierung stehen, wie an der identen Personengruppe im Hintergrund mit einem Reiter, dem Wanderer sowie den beiden, unterhalb des liegenden Arabers dekorativ arrangierten Säcken und Stab zu ersehen ist (Escholier, II, S. 66). 1834 beschäftigt sich Delacroix in Form eines Ölgemäldes erneut mit diesem Thema (Johnson, III, Nr. 357, IV, Taf. 172). Die beiden Ruhenden entsprechen wieder ihrer ursprünglichen Wiedergabe. Von der Radierung scheint die beidseitig verkleinerte Landschaft beeinflusst, während - ähnlich dem Aquarell - dem Himmel mehr Raum und damit eine größere atmosphärische Wirkung zukommt. Ein 1837 datiertes Aquarell (AK Frankfurt 1987/88, Nr. H 21; AK Paris 1994/95, Nr. 70) stellt die letzte Reprise der "Araber von Oran" dar und bildet gleichsam die Summe aus der ursprünglich realen Momentaufnahme und den im Lauf der Jahre für Druckgrafik und Ölmalerei adaptierten Paraphrasen, wobei die wesentlichen Elemente der Komposition beibehalten und nur die Landschaft geringfügig verändert wurde.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 204, Nr. 89.
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