Waldpartie mit Baumstamm
Gustave Courbet
Bis vor wenigen Jahren dachte man, dass von Gustave Courbets zeichnerischem Œuvre nur drei Skizzenbücher (Louvre, Département des Arts graphiques) und etwa 30 Zeichnungen erhalten geblieben sind. Diese erstaunlich geringe Anzahl erfuhr eine eminente Bereicherung durch ca. 200 Reiseskizzen, hauptsächlich von Baden-Baden, Spa und Biarritz, die erst 1984 bekannt und publiziert wurden (AK Les voyages secrets de Monsieur Courbet, Unbekannte Reiseskizzen aus Baden-Baden, Spa und Biarritz, hg. von K. Herding und K. Schmidt, Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden; Kunsthaus, Zürich, 1984). Darunter befinden sich auch einige frühe, 1844 datierte Skizzen mit Ortsangaben, die belegen, dass Courbet kurze Zeit im Wald von Fontainebleau gearbeitet hat.
Die mit kräftigen, zügigen Strichen ausgeführte Studie eines Waldbodens mit Baumstamm und Strauchwerk wurde in den späten 1960er-Jahren, versehen mit einem Gutachten von #Jacques Mathey von 1957, als Spätwerk Courbets erworben. Sie zeigt sowohl im Motiv als auch der effektvollen Wiedergabe von Licht und Schatten mit weichem Stift große Nähe zu Courbets Zeichnungen. Trotz ihrer zeichnerischen Qualität lässt sich die Studie aber nicht völlig überzeugend zuordnen. Ein zusätzliches Problem stellt dabei die vermutlich von fremder Hand stammende Signatur dar, deren unsichere Schreibweise von Courbets Schriftzügen abweicht. Zeichnung und Signatur sind jedoch mit derselben Kohle ausgeführt. Auch weckt die zwar locker mit Schraffuren und gewischten Stellen flüssig wirkende Zeichenweise im Vergleich zu der um vieles subtiler ausgeführten Kohlezeichnung der "Eingeschlafenen Leserin" des Louvre (1849; AK Albertina 1976/77, S. 79) oder der malerisch breit angelegten "Waldlichtung" des Museums Boymans- van Beuningen in Rotterdam (AK München 1996, C 15) leise Zweifel. Das Motiv der Albertina-Studie eines nur zur Hälfte sichtbaren Baumstammes findet sich in den Skizzen Courbets sehr häufig, vor allem mit Betonung knorriger, aus dem Erdreich oder Felsgestein herausbrechenden Wurzeln, ist zumeist aber mit spitzen, scharfen Bleistiftstrichen in minutiöser Genauigkeit wiedergegeben. So deutet die hier vorliegende Verbindung eines für Courbet typischen Sujets, der nah verwandte Zeichenstil mit etwas zu oberflächlichem, offenen Duktus, den Pierre Miquel ebenfalls für befremdlich hielt (mündliche Mitteilung), und die täuschend ähnliche, aber doch andersartige Signatur darauf hin, dass das Blatt in nachahmender Absicht entstanden ist.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 132, Nr. 58.
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