Der Archäologe Désiré-Raoul Rochette, genannt Raoul-Rochette
Jean-Auguste-Dominique Ingres
um 1830
Von Ingres sind heute über 450 Bildniszeichnungen und rund 60 Gemäldeporträts nachweisbar - eine erstaunlich hohe Zahl, bedenkt man sein wiederholt geäußertes Ressentiment gegen dieses nach damaligem kunsttheoretischem Begriff zweitrangige Genre. Ingres, Vertreter der rationalistisch-klassischen Richtung und leidenschaftlicher Verehrer der Antike und der Kunst #Raphaels, sah seine künstlerische Ambition vor allem in der Historienmalerei. Seine mit größter Ökonomie ausgeführten Bleistiftporträts waren zunächst Geschenke an Freunde, später, vor allem nach dem Ende des napoleonischen Regimes und dem Verlust seiner Kunden und Mäzene in Rom, Rettung aus finanzieller Not. Seine neue Klientel umfasste in erster Linie Engländer, die sich während ihrer Grand Tour porträtieren ließen. 1817 begann sich Ingres' berufliche Situation allmählich zu bessern. Das Porträtzeichnen blieb trotzdem weiterhin Bestandteil seines Schaffens, wenn auch nicht mehr in diesem Ausmaß und nicht mehr als Erwerbsquelle, sondern als Erinnerung für Freunde und Bekannte.
Das Porträt zeigt den Universalgelehrten Désiré-Raoul Rochette, genannt Raoul-Rochette (1790-1854). 1814 gewann er mit seinem vierbändigen Werk über die Ausbreitung der griechischen Kolonien, der "Histoire critique de l'établissement des colonies grecques", einen Preis der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, der ihm neben der Mitgliedschaft internationale Beachtung und beruflichen Aufstieg eintrug: 1816 erhielt Raoul-Rochette einen Lehrstuhl für moderne Geschichte an der Faculté des lettres, 1819 wurde er Konservator des Medaillenkabinetts der Bibliothèque Royale und lehrte schließlich Archäologie an diesem Institut. 1820 erhob man ihn in den Rang eines königlichen Zensors und 1821 in den Adelsstand. Wegen seiner vielen Ämter und Würden blieben Anfeindungen nicht aus. Verschiedene Ereignisse, vor allem ein seiner Unachtsamkeit angelasteter Einbruch in das Münzkabinett 1831, führten schließlich zu seiner Entlassung. Raoul-Rochette scheint Ingres im Winter 1824/25 in Paris kennen gelernt zu haben. Lebhaften Anteil dürfte er vor allem an Ingres' "Apotheose Homers" (Louvre, Paris; https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl020113115§) genommen haben, für die er die griechischen und lateinischen Zitate verfasst haben soll.
Raoul-Rochette war seit 1810 mit Antoinette-Claude, genannt Claudine Houdon, der Tochter des bekannten Bildhauers, verheiratet, von der ebenfalls eine Porträtzeichnung Ingres' existiert (Cleveland Museum of Art; https://www.clevelandart.org/art/1927.437§). Diese ist 1830 datiert und legt die Vermutung nahe, dass auch die Studie ihres Gatten in diesem Jahr entstanden ist. Ingres stellte seinen Freund mit überkreuzten Händen dar, wobei die rechte einen Zylinder hält. Während das Gewand mehr summarisch wiedergegeben ist, sind Gesicht und Haar detailreicher ausgeführt und die plastischen Qualitäten durch nuancierte weiche Strichlagen betont. Dieses unterschiedliche zeichnerische Gestalten von Kopf und Kleidung fällt bei den meisten Porträtzeichnungen Ingres' auf, da sein Hauptinteresse naturgemäß dem individuellen Ausdruck des Modells galt.
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 166.
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