Christus heilt einen Gelähmten
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1546/47-1550
Wie L. Fröhlich-Bum erkannt hat, ist die traditionell Parmigianino zugeschriebene Zeichnung eine gegenseitige Studie von Schiavone für die Radierung Christus heilt einen Gelähmten. Für die Umrisse der Figuren verwendet der Künstler dünne und wie so häufig fast krakelige Federlinien, die sich bisweilen zur Modellierung der Gliedmaßen runden. Eine mit breiten Pinselstrichen aufgetragene Lavierung in verschiedenen Braunabstufungen dienen für die Schattenpartien und die Verdunklung der Architekturteile. In Kontrast dazu tritt die großzügig aufgesetzten Lichthöhung, welche die Figuren wirkungsvoll hervortreten lässt. An dem Blatt sind Griffelspuren zu erkennen, die zur Übertagung auf die Radierplatte gedient haben dürften, wie K. Oberhuber (Wien 1963, S. 71; https://permalink.obvsg.at/alb/AC00479453§) erkannt hat. J. Wilde ist die Beobachtung zu verdanken, dass die Szene von einem Clair-obscur-Holzschnitt von Niccolò Vicentino (B. XII, S. 38f. Nr. 14, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch_albertina1811bd12/0042/image,info§; Inv. DG2002/424) angeregt ist, der eine Darstellung in der im 19. Jahrhundert zerstörten Freskendekoration von Perino del Vaga in der Massimi-Kapelle in SS. Trinità dei Monti in Rom wiedergibt (Wien 2013-2014, Nr. 112; https://permalink.obvsg.at/alb/ALB0079927§). Perino konnte für Schiavone leicht zum Vorbild werden, da er die gleichen Ideale wie Parmigianino verfolgte. Beide hatten sich in Rom 1524-1527 kennengelernt und teilten in ihrer Kunst eine Vorliebe für das Elegante und Raffinierte. Sie tendierten zu einer Überlängung der Figuren, die sie in weit ausholenden, gedehnten Bewegungen zeigen, wobei Perinos Geschöpfe gegenüber Parmigianinos stark gefühlvollen und beseelten Figuren mehr stolze Repräsentanten einer glanzvollen höfischen Kultur sind. Während Perino die Darstellung der Heilung des Gelähmten in einer Halle stattfindet lässt, deren Tiefe durch einen Figurenzug kontinuierlich erschlossen wird, baut Schiavone den Raum eher aus Versatzstücken auf und reiht die Gruppen neben- und übereinander. In Berlin befindet sich eine Rötelzeichnung (Dell’Antonio 2010, Kat. 41, fig. 40; https://permalink.obvsg.at/alb/AC17011922§), die zwar weniger deutliche Bezüge zu dem Clair-obscur-Holzschnitt aufweist, aber hinsichtlich der Posen von Christus und der neben ihm stehenden Gestalt sowie allgemein stilistisch mit der Zeichnung der Albertina übereinstimmt, weshalb es sich um eine alternative Idee zu derselben Darstellung handeln dürfte.
Die Radierung der Albertina ist mit der nachträglichen blauen Färbung und der zarten Höhung in Gold ein kleines druckgrafisches Juwel. Laut C. Callegari repräsentiert dieses Exemplar den dritten Zustand (III/III). F. Richardson datierte sie um 1543-1546, wohingegen sich F. Di Gioia für eine Entstehungszeit zu Beginn der 1550er-Jahre aussprach. Gegen das frühe Datum spricht der entwickelt Stil der Figuren, die nun ganz gerundet und umgreifbar sind und sich frei um ihre Körperachse in jede Richtung zu drehen vermögen. Man beachte auch, wie individuell die Figuren wiedergegeben sind, wie Schiavone Alt und Jung voneinander unterscheidet und wie treffend er ihren jeweiligen Charakter und Gefühlszustand mit der Radiernadel zu beschreiben weiß. Die Gestalten füllen nun den Raum aus und beleben ihn zur Gänze, wohingegen sie sich in Blättern wie der Beschneidung Christi (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 45, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) lediglich flächig aneinanderreihen. Gegen eine Datierung zu Beginn der 1550er-Jahre spricht der Stilwandel, der sich in dieser Zeit bei Schiavone vollzieht und etwa bei dem Blatt mit der Muttergottes mit Kind, dem Johannesknaben und anderen Heiligen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 120, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) offensichtlich wird. In diesem sind die Heiligen nun wesentlich monumentaler aufgefasst und bewegen sich nicht mehr schwungvoll in den Raum hinein, sondern schließen sich nach außen hin ab. Sie treten gänzlich eigenständig auf und nehmen von sich aus durch ihre physische Präsenz den Raum in Besitz. Nach Auffassung des Autors dürfte die Radierung vermutlich etwa zeitgleich mit Petrus und Johannes heilen den Lahmen und Die Predigt Pauli in Athen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 110-112, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§), oder etwas davor, also um 1546/47-1550 entstanden sein. Die fluchtende Säulenreihe in der oben erwähnten Zeichnung in Berlin zeigt enge Verwandtschaft mit der Bildarchitektur in Petrus und Johannes heilen den Lahmen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 110, 111 https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§), worauf schon F. Richardson hingewiesen hat. Schiavones Beschäftigung mit komplex verschachtelten und stark verkürzten Innenräumen in den Radierung dieser Zeit mag im Übrigen von Tintoretto angeregt sein, in dessen Bildern wie der Fußwaschung im Escorial (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Christus_im_Hause_des_Pharis%C3%A4ers_Jacopo_Tintoretto.jpg§) oder dem Wunder des hl. Markus in der Galleria dell’Accademia (Pallucchini 1950, Fig. 162, 192; https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Accademia_-_Miracle_of_the_Slave_by_Tintoretto.jpg§) eine ähnliche Vorliebe für jäh fluchtende Raumperspektiven offensichtlich wird.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 109, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§
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