Mann mit Hund
Fernand Léger
1921
Nach einer Lehre in einem Architekturbüro in Caen übersiedelte Léger 1900 nach Paris, wo er zu Beginn als Architekturzeichner und Retuscheur arbeitete. Seine künstlerischen Anfänge sind zunächst von impressionistischen und fauvistischen Einflüssen geprägt, bevor er ab 1909 mit #Picasso und #Braque in freundschaftlichen Kontakt tritt und an den Ausstellungen der Kubisten teilnimmt. Anschließend an seine kubistische Periode mit strenger Stereometrisierung des Naturvorbildes führt Léger in der Reihe seiner "Contraste de formes" ("Kontrast der Formen") von 1913/14 #Cézannes Erkenntnis, dass alles in der Natur auf den Grundformen von Kubus, Kegel und Zylinder aufbaut, bis zur äußersten Konsequenz der Abstraktion. Kompositionen wie Variation der Formen bestehen aus tuben-, zylinder-, quader- oder kolbenhaften Gebilden in freier, rhythmischer Gruppierung.
Léger sah darin das bildnerische Äquivalent "zum kurzatmigen, zersplitterten Leben der Gegenwart". In dieser Gouache beruht die kontrastierende Wirkung weniger auf den unterschiedlichen Formfragmentierungen als vielmehr dem modellierenden Helldunkelgegensatz von Schwarz und Weiß.
Doch kurz darauf kommt es zu einer neuerlichen Hinwendung zum Gegenständlichen. Mit wuchtig voluminösen Kegel- und Zylinderformen stellt Léger die verheerenden Auswirkungen der modernen Kriegsmaschinerie dar. In seinem Schaffen der Nachkriegsjahre dominiert der technologische Fortschrittsgedanke des Maschinenzeitalters. Parallel zu dieser Verherrlichung der treibenden mechanischen Kräfte in der industrialisierten Arbeitswelt setzt sich Léger ab 1919 auch mit der klassischen Tradition auseinander. Ergebnis dieses Dialogs sind Bildserien wie die "Déjeuner-Gemälde" von 1919-1922, die "Odalisken" von 1920/21 sowie die "Paysages animés" von 1921, zu denen die Zeichnung der Albertina gehört. In dieser kommt das künstlerische Anliegen nach Klarheit durch die radikale Vereinfachung und Geometrisierung der Gegenstände besonders deutlich zum Ausdruck. Sie spiegeln den Wunsch nach Harmonie und Ordnung wider, die Aufforderung "Retour à l'ordre", welche die Hauptvertreter der puristischen Bewegung, #Amédée Ozenfant und #Charles-Éduard Jeanneret (Le Corbusier), in ihrer Zeitschrift "Esprit nouveau" 1918 postulierten. In ihrer arkadischen Unbeschwertheit, rationalen Ordnung und strengen Vereinfachung entsprechen Légers Arbeiten dieser Jahre nicht nur den Zielvorstellungen der Puristen, sondern reflektieren in formalen Kriterien wie der Betonung von Konturlinie und plastischer Formgebung seine Beschäftigung mit der klassischen Tradition, seine Begeisterung für #Poussin, #Ingres und #David.
Mit einfachen stereometrischen Formen konstruiert Léger in dieser Zeichnung Mensch, Tier, Haus und Landschaft. Die Bildgegenstände sind mit klaren ordnenden Konturlinien präzise umrissen und wie eigenständige Organismen deutlich voneinander abgesetzt. Die tonig differenzierte, an #Seurat erinnernde Zeichenweise mit zart schraffierten und weich vom Dunkel ins Helle verlaufenden Partien erzeugt Plastizität und den Eindruck von Farbigkeit. Die Zeichnung gehört zu der 1921 entstandenen Bildgruppe der "Paysages animés" ("Belebte Landschaften") und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Gemälde einer Privatsammlung in Monte Carlo (Abb. in: Bauquier 1990-1998, Bd. 2, Nr. 269), dem sie bis auf wenige Details wie eine Vorstudie entspricht. Léger hat dieses Thema auch in mehreren Varianten zu einem Querformat erweitert.
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 196.
