Jean-Honoré Fragonard, Die große Zypressenallee im Park der Villa d´Este in Tivoli, Inv. Nr.: 1…
Die große Zypressenallee im Park der Villa d´Este in Tivoli
Jean-Honoré Fragonard, Die große Zypressenallee im Park der Villa d´Este in Tivoli, Inv. Nr.: 12735
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die große Zypressenallee im Park der Villa d´Este in Tivoli

Jean-Honoré Fragonard

um 1774




Jean-Honoré Fragonard, ein Schüler Bouchers, zeichnete während seiner Italienaufenthalte 1756–1761 und 1773/74 eifrig nach der Natur und studierte vor allem die Parkanlagen römischer Villen. Es entstand eine stattliche Anzahl an Landschaftsdarstellungen, von denen einzelne Motive vielfach erst nach seiner Rückkehr nach Paris in Gemälde, Zeichnungen oder Stiche übertragen wurden. Tatsächlich Gesehenes wird mit erfundenen oder in verschiedenen Gärten gesammelten Motiven zu malerischen Ansichten verwoben. Während frühere Studien in Rötel oder Kreide ausgeführt sind, arbeitete Fragonard bei seiner zweiten Romreise mit dem Pinsel. Unterschiedlich dichte braune Lavierungen, auf die in reicher Variation pointillistisch wirkende Farbflecken gesetzt sind, erzeugen ein lebhaftes Flimmern, welches das kontrastreiche Licht des Südens und den Charakter des dichten Laubes überzeugend beschreibt.



Künstler:in (Grasse 1732 - 1806 Paris)
Dateum 1774
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPinsel in Braun, laviert, über schwarzer Kreidevorzeichnung
Dimensions46,5 × 34,3 cm
Rahmenaußenmaß 70,6 × 57,5 × 4,1 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number12735
Inscribedl.u. von fremder Hand mit Bleistift "vue de la Ville D'Este à Tivoli"
Signedr.u. in Braun: "fragonard"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Fragonard hatte im November 1759 den Theologen und Mäzen #Abbé de Saint-Non kennen gelernt, der für die Sommermonate 1760 die Villa d'Este gemietet hatte, wo Fragonard sein Gast war. Er zeichnete hauptsächlich mit dem Rötelstift Ansichten dieser Gegend, die zwischen 1761 und 1763 unter dem Titel "Différentes vues dessinées d'après nature dans les environs de Rome et Naples par Robert et Frago" von Saint-Non radiert wurden. Von diesen damals entstandenen Studien besitzt das Musée des Beaux-Arts in Besançon eine Folge von zehn Rötelzeichnungen, die ausschließlich Landschaftsthemen der Villa d'Este zeigen, darunter auch eine Ansicht der "Großen Zypressenallee" (Inv. D. 2842), die im Bildmotiv mit der Zeichnung der Albertina identisch ist. Die Komposition wird von der strengen Perspektive des Weges beherrscht, dessen Tiefenwirkung durch parallel verlaufende seitliche Mauerachsen verstärkt wird und sich in der Lichtperspektive des Hintergrundes fortsetzt. Die beiden Zypressengruppen bilden dazu den vertikalen Gegensatz und betonen die streng axiale Gliederung der Komposition. Aufgrund der Tatsache, dass sich die beiden Zeichnungen motivisch ziemlich genau entsprechen, wurde in der Literatur allgemein angenommen, dass auch die Pinselzeichnung der Albertina während des Sommers 1760 entstanden ist. Doch ein eingehender Vergleich der beiden Blätter lässt die deutlichen stilistischen Unterschiede erkennen, die für eine spätere Entstehung der Albertina-Studie sprechen. Rosenberg (in: AK Paris/New York 1987/88, Nr. 31) hält sie für eine nach 1765 entstandene Kopie der Rötelzeichnung, als Saint-Non die Gruppe der sich heute in Besançon befindlichen Arbeiten Fragonard bereits zurückgegeben hatte und bevor dieser sie an #Pierre-Andrien Pâris verkaufte. Dass die Albertina-Zeichnung das Besançon-Blatt wiederholt, ist anhand der Gleichheit des Baumwuchses sowie der beiden Staffagefiguren zwischen den Statuen, zu denen Fragonard in der Pinselzeichnung dann noch eine weitere im Vordergrund hinzufügt, nicht zu leugnen. Aufgrund des reifen, virtuosen Vortrages dürfte aber eine Datierung des Albertina-Blattes gegen Mitte der 1760er-Jahre zu früh angesetzt sein. Während in der Rötelzeichnung malerische Wirkung mit Hilfe von dicht gesetzten, stellenweise verwischten Rötelschraffuren und davon abgesetzten Konturlinien erreicht wird, erzielt die Pinselzeichnung durch verschieden stark konzentrierte, mehrschichtige Braunlavierungen, auf die in reicher Variation pointillistisch wirkende Farbflecken gesetzt sind, eine flimmernde Lichtwirkung, die den vegetabilen Charakter der dichten Baumkronen und Laubhecken kongenial beschreibt.
Fragonards freie Pinselzeichnungen setzen mit seiner zweiten Italienreise ein, die er in Begleitung des Kunstsammlers und Mäzens #Pierre-Jacques-Onésyme Bergeret de Grancourt 1773/74 unternommen hat. In seinen Briefen berichtet Bergeret auch von einem Ausflug in den Park der Villa d'Este. Im Frühjahr entstand ein Großteil der schönsten römischen Gartenansichten Fragonards, wie "Römischer Park mit Brunnen" (Inv. 12736) und "Römischer Park mit Zypressen" (Inv. 12737), deren stilistische Merkmale sich in so identer Weise in der vorliegenden Großen Zypressenallee wiederfinden, dass eine Datierung um 1774 oder kurz danach naheliegend erscheint.

Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 144.

Bibliography
  • Ananoff 1961-1970, Bd. 3, Nr. 1434, Abb. 392
  • AK Albertina/Washington/New York 1984-1986, Nr. 73
  • AK Paris/New York 1987/88, Nr. 31 (P. Rosenberg)
  • AK Rom 1990/91, S. 115, Nr. 66
  • AK New York u. a. 1997-1999, Nr. 66
  • Schröder 2008, Nr. 144 (C. Ekelhart)
  • 212-213
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), AK, Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammlung, Ostfildern 2014, S. 212-213
  • Jardins, Ausst.-Kat. Grand Palais Paris, Paris 2017, S. 231, Cat. 138 (Lionel Arsac)
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Tiepolo bis Goya, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.44
  • Provenance
  • Sireul [?] (Versteigerungskatalog Sireul, 3.12.1781, Nr. 242 [?])
  • de Boynes [?] (Versteigerungskatalog de Boynes, 15.3.1785, Nr. 217 [?], vgl. dazu AK Paris/New York 1987/88, Nr. 31)
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
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