Selbstbetrachtung
Alfred Kubin
um 1901/02
Das zwischen 1899 und 1904 in München entstandene Frühwerk Alfred Kubins bildet den frühen Höhepunkt seines fast sechzigjährigen künstlerischen Schaffens: Es sind albtraumhafte Visionen, die traumatische Kindheitserinnerungen, Ängste, Träume, Irrationales und Abseitiges reflektieren. Häufig spielen Tiere oder fantastische Mischwesen die Hauptrolle, mittels derer Kubin das Wirken primitiver Gewalt, animalische Sexualität oder Götzenkulte in einprägsame Metaphern fasst. Angeregt durch die fantastische Literatur von Edgar Allan Poe bis E. T. A. Hoffmann, zählt Kubin insbesondere Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel und Francisco de Goya sowie die Künstler des Symbolismus zu seinen künstlerischen Vorbildern. Die wahnhafte, zwischen Realität und Fiktion changierende Motivik von Kubins Kompositionen steht in einem spannungsvollen Verhältnis zu ihrer technischen Virtuosität und jugendstilhaften Schönlinigkeit. Treffend bezeichnet Lyonel Feininger die Tuschfederzeichnungen Kubins einmal als „Federgemälde“.
Blatt: 31,4 × 39,4 cm
Alfred Kubins Kunst beruht auf der Gedankenwelt des Symbolismus. Dieser stellt die Basis der künstlerischen Entwicklung dar, aus ihm formt Kubin seine privaten Mythologien, angesiedelt im Spannungsfeld zwischen autobiografischem Kommentar und Diagnose seiner Epoche.
Als Alfred Kubin 1959 stirbt, geht sein Nachlass zu gleichen Teilen an die Albertina und an das Oberösterreichische Landesmuseum Linz. Die in der Albertina verwahrten über eintausend Blätter lassen den Überblick über ein umfangreiches Werk zu, das in heterogene Teile zerfällt: das Frühwerk, 1899 bis 1904 in München entstanden, die Umbruchszeit 1904 bis 1908, charakterisiert durch starkfarbige malerische Experimente mit Kleisterfarben und Tempera, und jene Phase bis zum Jahr 1913, die die endgültige Wende zur reinen Federzeichnung bedeutet. Mehrere Ereignisse markieren die Jahre des Suchens und schließlich die Zäsur, ab der sich Kubins Handschrift verändert: Hochzeit 1904, Sesshaftwerden im Schlösschen Zwickledt in Oberösterreich und schließlich 1908 die Niederschrift und Illustration seines fantastischen Romans "Die andere Seite". Diese Synthese aus Wort und Zeichnung wird für Kubin auch zum Ausgangspunkt seiner Arbeit als Illustrator der verschiedensten Texte der Weltliteratur, die von nun an künstlerischer Schwerpunkt ist. Dieses stilistisch einheitlichere "spätere Werk" umfasst die knapp fünfzig Schaffensjahre bis zum Tod des Künstlers.
Im Frühwerk ist Kubin ein Schöpfer packender Bilder voll psychischer Ängste - motivisch befruchtet von #Goya, #Hokusai, #Max Klinger, #Félicien Rops oder #Odilon Redon, stilistisch beeinflusst von #Fernand Khnopff. Die Welt ist Kubin eine Hölle, die Frau eine femme fatale: für den Mann eine tödliche Gefahr und zugleich Opfer unzähmbarer männlicher Triebe (z.B. Inv. 33213). Dunkle Seelenkräfte und ein zerstörerisches Schicksal beherrschen den Menschen: visueller Ausdruck der Faszination Kubins für die pessimistische Philosophie von #Schopenhauer, #Kierkegaard und #Nietzsche. Mit differenziertem malerischem Einsatz der zeichnerischen Mittel, mit Lavierungen und Spritztechnik gestaltet Kubin die Bedrohung durch innere und äußere Mächte. Die Blätter beziehen ihre außerordentliche Wirkung nicht allein aus den Themen, der wahnhaften Fantastik ihrer Motive, sondern auch aus der Düsternis der unheimlichen Stimmungen zwischen später Dämmerung und tiefer Nacht.
Während diese innerhalb weniger Jahre in einem wahren Schaffensrausch entstandenen Werke zur Zeit ihrer Entstehung in München für Aufsehen sorgten und ihr bohemienhaft auftretender Schöpfer bisweilen belächelt wurde, traten sie in den zwanziger Jahren in der Rezeption Kubins in den Hintergrund. Ihre vollständige Wiederentdeckung erfolgte in den siebziger Jahren, parallel zum wachsenden Interesse an psychoanalytischer Forschung.
In der Selbstbetrachtung sind Kopf und Körper einander auf düsterer, leerer Bühne gegenübergestellt. Dunkelheit, Umnachtung hinterfängt die Gestalten und siedelt sie jenseits von Zeit und bekanntem Raum an. Der viel zu große Kopf betrachtet mit dem weit aufgerissenen rechten Auge entsetzt den muskulösen männlichen Körper, den ein von außen eindringendes Schlaglicht hart modelliert. Schnabelpantoffel und exotisch anmutendes Beinkleid wirken kostümhaft und lassen den Körper fremd erscheinen, die Geste der Arme betont dessen Geschlechtlichkeit. Der Dualismus von Kopf und Körper, Geist und Leib wird hier in seiner extremsten Form beschrieben, der ausweglosen, tödlichen Entfremdung.
Regina Doppelbauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 203.
