Doppelscheuer (Doppelpokal) (Entwurf für eine Goldschmiedearbeit)
Albrecht Dürer
1526
Obwohl Dürer seine Ausbildung zum Goldschmied abbrach, um Maler zu werden, blieb er dem Handwerk stets verbunden. Während seiner gesamten Schaffenszeit fertigte er Entwürfe für Schmuckstücke, Geschmeide und Prunkpokale als Vorlagen für seine eigenen Bilder, möglicherweise aber auch für seinen jüngeren Bruder Endres, der die Familientradition fortführte und die väterliche Goldschmiedewerkstatt übernahm. Auch dieser Entwurf für eine Doppelscheuer, ein aus zwei identischen Buckelpokalen bestehendes Prunkgefäß, könnte für seinen Bruder geschaffen worden sein. Die Zeichnung besticht durch ihre äußerste Klarheit und demonstriert Dürers Vertrautheit mit dem metallverarbeitenden Gewerbe.
Although Dürer himself broke off his goldsmith apprenticeship in order to take up painting, he never lost contact to this trade. He produced designs for jewelry and splendorous goblets that appear in his own paintings and possibly also on behalf his younger brother Endres, who carried on the family tradition and took over their father’s goldsmith workshop. This design for a double cup, a splendorous vessel consisting of two identical goblets, might have been made for his brother. The drawing is striking for its extreme clarity while also demonstrating Dürer’s familiarity with the metalworking trade.
Die metallische Präzision, die Kühle des Strichs, die Symmetrie beider Teile fanden einige Forscher so befremdlich, dass sie den Goldschmiederiss aus dem Œuvre Dürers tilgten. Diese Zweifel dürfen heute als ausgeräumt gelten. Dürer verstand es, seine Zeichentechnik Kunsthandwerkern anzupassen, die nach seinen Vorlagen arbeiten wollten. Das gilt für Glasmaler ebenso wie für Gold- und Silberschmiede oder Medailleure. Es darf erinnert werden, dass Dürer gelernter - wenn auch nicht ausgelernter - Goldschmied war. Kontakt zu diesem Handwerk verlor er nie. Das Tagebuch der niederländischen Reise 1520/21 ist voll mit Namen von Goldschmieden. Mancher Entwurf Dürers wird für seinen 13 Jahre jüngerer Bruder #Endres bestimmt gewesen sein, der 1514 in Nürnberg die Meisterwürde erlangte und bis 1530 als Silberarbeiter im städtischen Verzeichnis der Goldschmiede geführt wurde.
Doppelscheuern, im neuerem Schrifttum oft Doppelpokale genannt, bestehen aus zwei gleichen getriebenen Buckelpokalen. Jedes Gefäß steht auf mehrpassigem Fuß. In Ruhe kann das obere Gefäß gekontert auf das untere aufgesetzt werden. Das kostbare Gebrauchsgerät mutiert so zum Schaugefäß, das auf einer Kredenz Platz fand. Auf einer Tafel des Nürnberger Meisters des Augustineraltars ist 1487 eine solche dicht aufgefüllt dargestellt.
Die Doppelscheuer ist ein charakteristisches Werk der Spätgotik. Ein um 1500 in Nürnberg getriebener Doppelpokal mit gedrehtem Schaft und gedrehter Cuppa im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Inv. Nr. HG 615 a-b) vertritt diesen Typus in reiner Form. Doppelpokale überreichte der Rat traditionell als Ehrengeschenk an Kaiser oder Könige bei ihrem ersten Nürnberg- Besuch. Vielleicht entstand vorliegender Riss, im Maßstab 1:1, in offiziellem Auftrag. In dem Bestreben nach Modernität entwickelte Dürer aus dem ihm vertrauten, hohen, spätgotischen Gefäßtyp ein breit gelagertes Renaissancegefäß. Die gewellten Einzelranken zwischen den eiförmigen Buckeln übernahm er dabei von Gefäßen des 15. Jahrhunderts. War der Doppelpokal 1526 ausgeführt worden, ging er, wie fast alle Werke der Nürnberger Goldschmiedekunst der Dürer-Zeit, verlustig. Zu praktisch war das Verfahren, aus eingeschmolzenen Gefäßen in Notzeiten Münzsilber zu gewinnen. Allein der Apfelpokal im Germanischen Nationalmuseum (Inv. Nr. HG 8399) vermag eine Vorstellung von ausgeführten Arbeiten zu geben, hinter denen Dürer als Ideengeber und Formgestalter stand.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 191, S. 534.
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