Die Opferung Isaaks
Albrecht Altdorfer
um 1511
Rahmenaußenmaß 39,2 × 35,3 × 3,7 cm
Nach seiner Ausbildung zum Maler und Grafiker in Regensburg begab sich Albrecht Altdorfer um 1500 auf Wanderschaft. Die Reise führte ihn u. a. nach Salzburg und die Donau flussabwärts bis St. Florian. 1515 schuf er dort den berühmten, nach ihm benannten Altar. Erst in jüngerer Zeit hat sich die Gewissheit durchgesetzt, dass Altdorfer auch als Schöpfer der ursprünglich #Jörg Kölderer zugeschriebenen Triumphzugsminiaturen für Kaiser Maximilian I. anzusehen ist. Möglicherweise lernte Altdorfer bei Kölderer den Umgang mit getöntem Papier, und seine Vorliebe für ein ausgeprägtes Helldunkel wurde wahrscheinlich von #Michael Pacher und #Jörg Breu inspiriert. Ab 1519 hatte Altdorfer bedeutende Ämter in Regensburg inne; er sollte sogar Bürgermeister der Stadt werden - eine Würde, die er 1528 aber zugunsten der Ausführung seines Hauptwerkes "Die Alexanderschlacht" für Herzog Wilhelm von Bayern ablehnte.
Altdorfer gilt neben #Wolf Huber als Hauptmeister der Donauschule. Die Reisen der beiden Künstler entlang der Donau haben ihren Niederschlag in einer ihre Werke dominierenden Landschaftsauffassung gefunden. Die Landschaft wurde zum wesentlichen Träger von Stimmung, Drama und Atmosphäre der zumeist religiösen Themen ihrer Gemälde und Zeichnungen.
Altdorfer zeichnete deshalb bevorzugt - wie auch im Falle dieser Zeichnung und einem weiteren, in derselben Technik ausgeführten Blatt (Inv. 17548) - auf dunklem, grünlichgrauem Papier, das die mit der Feder in grauer Tinte gezeichnete Darstellung malerisch unterlegt, manchmal in dramatischem Widerstreit mit der Feder den Darstellungsinhalt auflädt und darüber hinaus der Zeichnung koloristische Werte verleiht. Das vorliegende Blatt begann Altdorfer mit der grauen Feder zu zeichnen. Mit der weißen Feder folgte er dann den Konturen mancher Figuren in beschwingten Arabesken oder belebte durch Schnörkel und Häkchen den Hang des Berges, wodurch sich im Verein mit dem dunklen Untergrund flackernde Helldunkeleffekte ergeben, die der Darstellung eine ausdrucksstarke, visionäre Kraft und Dramatik verleihen.
Nicht nur mit zeichnerischen Mitteln erzielte Altdorfer eine sehr individuelle Deutung dieses biblischen Geschehnisses. Auch inhaltlich interpretierte der Künstler das Thema neu, indem er die Textvorlage um einige Gedanken bereicherte. Grundlage der Darstellung ist das in Genesis 22: 1-19 beschriebene Opfer Abrahams: Abraham sollte seinen und Sarahs einzigen Sohn Isaak als Beweis seines unerschütterlichen Glaubens und unbedingten Gehorsams Gott opfern. Nachdem er alle Vorbereitungen getroffen hatte, teilte ihm ein Engel mit, dass dieses Opfer von Gott letztlich nicht eingefordert wird, woraufhin Abraham einen Widder opferte.
Altdorfer verlegte den Ort des Geschehens in seine süddeutsche Heimat bzw. in das von ihm bereiste Donautal: Vergeblich wird man aber den Gebirgszug und die darüber liegende Burgstadt identifizieren können; zweifellos handelt es sich hier um ein von der Kenntnis der Alpen inspiriertes, aber um ein der Fantasie entsprungenes Motiv. Ähnlich verhält es sich mit der vom linken Blattrand angeschnittenen Portikusarchitektur mit dem Brunnen; von der Antike inspirierte Bauwerke kehren auch in Altdorfers Gemälden des Öfteren wieder.
Trotz Abänderungen von der Darstellungstradition hat Altdorfer wichtige Details der schriftlichen Überlieferung gewahrt: Der auf der Zeichnung dargestellte Gebirgszug mit der Burgstadt an seiner Spitze wäre dann der in der Genesis genannte Berg Moriah, nahe dem das Opfer hätte stattfinden sollen und auf dem den Büchern der Chronik zufolge der Tempel Salomons erbaut war.
Der jüdischen schriftlichen Überlieferung folgend, ist Isaak nicht, wie die christliche Darstellungstradition es vorsieht, als Knabe, sondern als junger Mann gegeben, der eigentlich stark genug gewesen wäre, um sich gegen den alten Abraham zur Wehr zu setzen. Altdorfer gab daher dem Vater das Aussehen eines zwar reifen, aber kräftigen Mannes, der die Opferung nicht mit dem Messer durchführt, sondern zu einem weiten Schwerthieb ausholt. Indem der Engel nicht aus einer Wolke dem Geschehen Einhalt gebietet, sondern als menschliches Wesen zur Opferszene hinzutritt, trägt auch er zum Realismus und zur Eigenwilligkeit der Darstellung bei.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 21.
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