Atlas
Maria Lassnig
1985
Rahmenaußenmaß: 203 × 268,7 × 4 cm
Maria Lassnig gilt als eine der wichtigsten Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie ist vor allem für ihre „Body Awareness“- oder „Körpergefühlsbilder“ bekannt, in denen erstmals die Wahrnehmung des eigenen Körpers den Ausgangspunkt für die Erkundung der Welt bildet und mit denen sie ein weites, bis dahin unbekanntes Terrain erschließt. Darüber hinaus zeigt ihr Œuvre, dass ihr besonderer Umgang mit Farben, ihr aus sich selbst heraus entwickeltes „Farbsehen“, einen wesentlichen Aspekt ihrer faszinierenden Kunst darstellt.[1]
Gegen Ende des Jahres 1960 geht Maria Lassnig für acht Jahre nach Paris. Nun beginnen auch politische und gesellschaftlich aktuelle Themen in ihrem Schaffen eine wichtige Rolle zu spielen. In Gynäkologie (Inv. EDLSB2428) etwa geht es um Gewalt, Bedrohung und Geschlechterkonflikte. Lassnig gestaltet eine dramatische Szene von Macht und Ohnmacht, die einen gefährlich geifernden Mann und eine wehrlos daliegende Frau zeigt. Auf den Unterkörper reduziert, mutiert diese zum beliebigen Sexualobjekt.
1968 übersiedelt die Künstlerin nach New York. Damals erreicht die feministische Bewegung ihren Höhepunkt. Lassnig beteiligt sich an Demonstrationen, unter anderem Protesten gegen Museen wie das Museum of Modern Art und das Whitney Museum, die beinahe ausschließlich Arbeiten männlicher Künstler zeigen. In Woman Power (Inv. EDLSB4306) schreitet Maria Lassnig als monumentale Superfrau, als Queen Kong, machtvoll durch New York. Später wird sich Lassnig aus der Befürchtung heraus, dass ihre Arbeit „im Fraueneck“ angesiedelt werden könnte, vom Feminismus distanzieren. Sie wird dem Bild zwiespältig gegenüberstehen, in ihm manchmal „schon ein bisschen ein Sinnbild des Feminismus“ sehen und sich ein anderes Mal über den Erfolg gerade dieses Bildes ärgern, weil es gänzlich ohne das ihr so wichtige Körperbewusstsein entstanden sei.
1980 wird Maria Lassnig als Professorin für „Gestaltungslehre – Experimentelles Gestalten“ mit dem Schwerpunkt Malerei und Animationsfilm an die Hochschule für angewandte Kunst Wien berufen und kehrt aus New York nach Österreich zurück.
In ihren zahlreichen Bilderfindungen können auch die Helden der Geschichte seit dem Altertum umgedeutet werden und starke Frauen die traditionell mächtigen Männern zugedachten Rollenbilder übernehmen. So zeigt sich Lassnig in Atlas als die Last der Welt tragende Titanin.
Die Sommermonate verbringt Lassnig regelmäßig in Kärnten. Das ruhige Landleben ist für die Künstlerin ein wichtiger Ausgleich zum Trubel der Stadt. In Bauernhüte (Inv. EDLSB4905)beobachtet sie mit Augenzwinkern und in Distanz zum damaligen Landeshauptmann Jörg Haider die Kärntner Gesellschaft und macht sich davon ein eigenes Bild.[2]
Von der modernen Auffassung ausgehend, dass unsere Wahrnehmung der Realität rein subjektiv ist, zieht Lassnig ihre eigenen Körperempfindungen heran, um große Themen wie Liebe, Tod, Kunst, Technologie, Gewalt und die Bedrohung der Natur zu behandeln, während sie mit den Gegensätzen zwischen dem Bild, das andere von ihr – als Frau, als Künstlerin, als Mensch ‒ wahrnehmen, und ihrem Selbstverständnis spielt.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Wien 2021, S. 132.
Maria Lassnig is considered one of the most important women artists of the twentieth and twenty-first centuries. She is best known for her Body Awareness and Body Sensation paintings, in which, for the first time, the perception of her own body forms the starting point for exploring the world and with which she opens up a wide, hitherto unknown territory. Furthermore, her oeuvre reveals that her special handling of colors, her “color vision” developed from within herself, constitutes an essential aspect of her fascinating art.[1]
In late 1960, Maria Lassnig moved to Paris for eight years where political and socially relevant themes also began to play an important role in her work. Gynecology (Inv. EDLSB2428), for example, deals with violence, threats, and gender conflicts. Lassnig unfolds a dramatic scene of power and powerlessness, which depicts a dangerously drooling man and a woman lying defenselessly. Reduced to her lower body, the woman mutates into a random sexual object.
In 1968, the artist left Europe for New York. The feminist movement had reached its peak at the time. Lassnig took part in demonstrations, including protests against such museums as The Museum of Modern Art and the Whitney Museum, which almost exclusively exhibited works by male artists. In Woman Power (Inv. EDLSB4306), Maria Lassnig strides powerfully through New York as a monumental superwoman, as “Queen Kong” so to speak. Later, the artist would distance herself from feminism out of fear that her work might be pushed into “the women’s corner.” She became ambivalent about the painting, seeing it at times as “a bit of a symbol of feminism”; at other times, she became annoyed at the success of this very painting, because it was created entirely without the “body awareness” that was so important to her.
In 1980, Maria Lassnig was appointed Professor for Design Theory – Experimental Design with a focus on painting and animated film at the College of Applied Arts Vienna and returned to Austria from New York.
Her numerous pictorial inventions reinterpret even the heroes of history since antiquity, and strong women can take over the role models traditionally assigned to powerful men. In Atlas, for example, Lassnig presents herself as a female Titan carrying the weight of the world.
Lassnig regularly spent the summer months in Carinthia. The artist found the quiet country life an important compensation for the hustle and bustle of the city. In Farmers’ Hats (Inv. EDLSB4905), she observes Carinthian society with a wink of the eye and at a distance from the then Governor Jörg Haider and forms her own opinion of the situation.[2]
Starting from the modern view that our perception of reality is purely subjective, Lassnig draws on her bodily sensations to address major themes such as love, death, art, technology, violence, and the threat to nature, while playing with the contrasts between the way others perceive her—as a woman, as an artist, as a human being—and the way she sees herself.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Vienna 2021, S. 132.
