Holzstück
Wolfgang Hollegha
1970
Hollegha bereitet seine Gemälde, die von unscheinbaren, oft kleinen Gegenständen seines steirischen Bauernhofs angeregt sind, in peniblen Bleistiftzeichnungen vor, ehe er kontrolliert Farbe auf die am Boden liegende Leinwand schüttet, die der ursprünglichen Formgestalt folgt. Anschließend wischt der Künstler mit einem Tuch oder mit der Hand die Farbe wieder ab, oder er lässt Farbe vom Pinsel auf den Malgrund tropfen. Die Farbgestaltung ist frei assoziativ und hat mit dem Gegenstand, der den Ausgangspunkt für die jeweilige Komposition bildet, nichts gemein. Schon früh wählt er monumentale Formate und nimmt das dramatische Weiß der Leinwand als Bildgrund für seine subtilen Farbkompositionen. Vom realen Gegenstand als Motiv auszugehen ist für Hollegha sehr wichtig; er erklärt dazu: »Wenn ich das Sichtbare als Ausgangspunkt nicht hätte, wäre das, was ich mache, ein rein willkürliches Geschmiere. Ich brauche das Sichtbare als Ausgangspunkt, um es zu verändern.« Clement Greenberg, der in den 1950er-Jahren bedeutendste amerikanische Kunstkritiker, lädt Hollegha zu wichtigen Ausstellungen nach New York ein, und eine große, internationale Karriere steht im Raum. Doch Hollegha kehrt lieber in seine Heimat in die Steiermark zurück, wo er auch heute lebt und arbeitet.
Rahmenaußenmaß: 218,3 × 206,4 cm
Wolfgang Hollegha ist einer der bedeutendsten Repräsentanten abstrakter Malerei nach 1945 in Österreich. Gemeinsam mit Arnulf Rainer, Josef Mikl und Markus Prachensky zählt er ab Mitte der 1950er-Jahre zu den Künstlern der Galerie St. Stephan um Monsignore Otto Mauer, der für abstrakte Positionen bedeutenden Gruppierung.
Schon bald löst sich Hollegha von einer ersten Formstrenge und beginnt seine aus der Natur und ihren Formvorgaben abgeleitete abstrakte Malerei zu entwickeln, die von einer subtilen, irisierend transparenten, lichtdurchfluteten Koloristik dominiert wird. Früh entscheidet sich der Künstler, für den Malgrund die Farbe Weiß zu verwenden, ein großes Format zu wählen sowie den Darstellungsgegenstand aus seiner Dreidimensionalität zu lösen und in die Fläche einzuspannen.
Als Holleghas künstlerisches Schaffen 1958 mit dem Guggenheim-Preis ausgezeichnet wird, erhält er die Chance, seine eindrucksstarken Farbgebilde in Amerika zur präsentieren. Der zu jener Zeit bedeutendste amerikanische Kunstkritiker, Clement Greenberg, ist von seinen Bildern begeistert, vor allem von der dünnflüssig aufgetragenen Farbe, wodurch Hollegha in die Nähe des amerikanischen Colour Field Painting und der Malerei von Sam Francis oder Morris Louis rückt. Robert Fleck sieht in Holleghas Œuvre eines der ganz wenigen Werke der in der Nachkriegszeit wurzelnden europäischen Malerei, auf die der Begriff des Abstrakten Expressionismus zutrifft.[1]
Holleghas stete Bezugnahme auf die Natur entspricht allerdings nicht der rein auf die Fläche bezogenen amerikanischen Malerei. Auch sein Malerkollege Josef Mikl (1929–2008), dessen künstlerische Handschrift um 1960 von einem freien, gestischen Pinselstrich geprägt wird, bleibt dem figurativen Motiv verpflichtet. In Holleghas Kunst steht der Mensch ‒ ob als Konstrukt aus Röhren oder in Gestalt dynamischer Linienchiffren in den für den Künstler bezeichnenden intensiven Farbkombinationen ‒ im Mittelpunkt.
Holleghas Bilder entstehen durch das Schütten von Farbe auf die am Boden liegende Leinwand. Anschließend wischt der Künstler mit einem Tuch oder mit der Hand die Farbe wieder ab oder lässt Farbe vom Pinsel auf den Malgrund tropfen. Vom realen Gegenstand als Motiv auszugehen ist für Hollegha sehr wichtig: „Wenn ich das Sichtbare als Ausgangspunkt nicht hätte, wäre das, was ich mache, ein rein willkürliches Geschmiere. Ich brauche das Sichtbare als Ausgangspunkt, um es zu verändern […]. Meine Malerei ist der Versuch, einen Raum in der Fläche zu erzeugen, der geordnet, zusammenhängend ist. Indem man den Raum darstellt, verwandelt man das, was man sieht.“[2]
[1] Siehe Robert Fleck, „Holleghas Abstrakter Expressionismus“, in: Die Natur ist innen. Der Maler Wolfgang Hollegha, hg. von Günther Holler-Schuster und Peter Pakesch, Ausst.-Kat. Neue Galerie Graz, Köln 2015, S. 14 ff.
[2] Zit nach „Das Sichtbare sichtbar machen. Andrea Schurian im Gespräch mit Wolfgang Hollegha“, in: Wolfgang Hollegha, Ausst.-Kat. Galerie Ulysses, Wien, Wien 2012, S. 5.
Wolfgang Hollegha is one of the most important representatives of abstract painting in Austria after 1945. Together with Arnulf Rainer, Josef Mikl, and Markus Prachensky, he was one of the artists of Galerie St. Stephan around Monsignor Otto Mauer, a group that was important for abstract positions from the mid-1950s onwards.
Hollegha soon broke away from an initial formal austerity and began to develop his form of abstract painting that is derived from nature and its repertoire of forms and dominated by a subtle, iridescent, transparent, light-flooded coloring. Early on, the artist decided to use the color white for the painting ground, to choose a large format, and to detach the object of representation from its three-dimensionality and fix it onto the surface.
When Hollegha was awarded the Guggenheim Prize in 1958, he was given the opportunity to present his impressive color works in The United States. The most important American art critic of the time, Clement Greenberg, was enthusiastic about his pictures, especially the thinly applied paint, which brought Hollegha into proximity with American color field painting and the works of Sam Francis and Morris Louis. Robert Fleck considers Hollegha’s oeuvre to be one of the very few in the realm of postwar European painting to which the term Abstract Expressionism applies.[1]
Hollegha’s constant reference to nature, however, does not correspond to American painting, which is based purely on the surface. His painter colleague Josef Mikl (1929–2008), whose artistic style around 1960 is characterized by a free, gestural brushstroke, likewise remained committed to the figurative motif. In Hollegha’s art, the human being remains the focus of attention—whether as a construct made of tubes or in the form of dynamic line ciphers in the intense color combinations characteristic of the artist.
Hollegha’s paintings are created by pouring paint directly onto the canvas, which lies on the floor. The artist then wipes the paint off with a cloth or with his hand or lets paint drip from the brush onto the painting ground. For Hollegha, it is very important to start from the real object as a motif: “If I did not have the visible world as a starting point, what I do would be purely arbitrary smearing. I need the visible world as a starting point to change it . . . My painting is an attempt to create a space on the surface, a space that is ordered, coherent. By representing the space, you transform what you see.”[2]
[1] See: Robert Fleck, “Holleghas Abstrakter Expressionismus,“ in Die Natur ist innen. Der Maler Wolfgang Hollegha, ed. Günther Holler-Schuster and Peter Pakesch, exh. cat. Neue Galerie Graz (Cologne, 2015), 14‒19.
[2] Quoted in: “Das Sichtbare sichtbar machen. Andrea Schurian im Gespräch mit Wolfgang Hollegha,” in Wolfgang Hollegha, exh. cat. Galerie Ulysses, Vienna (Vienna, 2012), 5 [translated].
