Tony Cragg, Point of View, Inv. Nr.: EDLDB4869
Point of View
Tony Cragg, Point of View, Inv. Nr.: EDLDB4869
Credit: ALBERTINA, Wien – Familiensammlung Haselsteiner Image: Mischa Nawrata Copyright: © Bildrecht, Wien 2026

Point of View

Tony Cragg

2003




Die Skulptur erweckt durch ihre schlanke Silhouette und die Konturen menschlicher Gesichter, die an mehreren Stellen aus der scheinbar beweglichen Masse hervorragen, den Eindruck eines lebendigen Gegenübers, das zum Dialog auffordert. In der polierten Metalloberfläche nehmen die Spiegelungen von Licht, Umgebung und Betrachtendem mit jedem Schritt neue Formen an. So wird auf spielerische Art und Weise die Vergänglichkeit des Augenblicks verhandelt, die letztlich auf der Neugierde basiert, den nächsten entdecken zu wollen. Die Endlichkeit der materiellen Welt, die Cragg in seinem Schaffen stets als Ausgangspunkt dient, wird durch amorphe Form und menschliche Symbolik zur Erweiterung des eigenen Ichs.



Künstler:in (Großbritannien; Deutschland, geboren 1949)
Date2003
Object TypeSkulptur
Object typeSculpture
Materials / TechniquesEdelstahl poliert
Dimensions300 × 75 × 65 cm, 350 kg
CreditALBERTINA, Wien – Familiensammlung Haselsteiner
Object numberEDLDB4869
SignedSignaturstempel des Künstlers
Text

Die Skulpturen des in Wuppertal lebenden britischen Künstlers Tony Cragg zeichnen sich durch ihr Zusammenspiel von Material, Form und Symbolik aus. Cragg wendet sich bereits in den 1970er-Jahren von der klassischen Tradition der Bildhauerei ab und beginnt stattdessen mit unkonventionellen Materialien wie Kunststoff, Glasfaser und Kevlar zu arbeiten. Mit diesen eigentlich industriellen und starr wirkenden Werkstoffen kreiert er Figuren, denen ein grundlegender Sinn von Dynamik und Bewegung innewohnt. Die fließende Optik von Craggs „Verschmelzungen“ spielt mit dem Spannungsverhältnis von Abstraktion und Gegenständlichkeit – weder konzentriert sie sich auf wesentliche Bestandteile im Stile Wotrubas, noch erlaubt sie die Sichtweise eines einzig gültigen Bildes wie Werke des Zeitgenossen Antony Gormley. Zugleich stellt das Anthropomorphe in Craggs Skulpturen ein Leitmotiv in seinem Œuvre dar. So prägt, beginnend mit der Serie der „Rational Beings“ der 1990er-Jahre, eine gewisse körperliche Symbolik sein Schaffen.

Spyrogyra versinnbildlicht sowohl die konzeptuelle Entwicklung von Craggs Werk als auch seine Hinwendung zum Organischen. Eindeutig ist die kunsthistorische Anspielung an Marcel Duchamps Flaschentrockner (1914), einen prinzipiellen Wegbereiter des Readymades und somit der Konzeptkunst des 20. Jahrhunderts. In ihrer Abwendung von rein objektspezifischer Starre formuliert Craggs Skulptur jedoch eine grundlegende Spannung zwischen der Härte von Stahl und der natürlich wirkenden Spiralform, die wie ein DNA-Strang emporragt. Die Flaschen selbst sind nicht spezifische Fundstücke, sondern generische Typen; sie wirken wie verschiedenförmige Gliedmaßen eines lebenden Organismus in ständiger Bewegung. Dadurch verleiht Cragg dem Werk eine stark interaktive Basis – es konfiguriert sich nicht nur bei jedem Aufbau, sondern bei jeder Umrundung neu. Benannt nach einer Gattung grüner Algen, stellt Spyrogyra somit einen entscheidenden Punkt in Craggs künstlerischer Entwicklung dar.

Die 2003 entstandene Skulptur Point of View erweckt sowohl durch ihre schlanke Silhouette als auch durch die Konturen menschlicher Gesichter, die an mehreren Stellen aus der scheinbar beweglichen Masse hervorragen, den Eindruck eines lebendigen Gegenübers, das zum Dialog auffordert. Die ergreifende räumliche Präsenz lädt zum Umschreiten des Werkes ein, wodurch sich dem Betrachter unendlich viele, ständig neue Perspektiven offenbaren. In der polierten Metalloberfläche nehmen die Spiegelungen von Licht, Umgebung und Betrachtendem mit jedem Schritt neue Formen an. So verhandelt Point of View auf spielerische Art und Weise die Vergänglichkeit des Augenblicks, die letztlich auf der Neugierde basiert, den nächsten entdecken zu wollen. Die Endlichkeit der materiellen Welt, die Cragg in seinem Schaffen stets als Ausgangspunkt dient, wird durch amorphe Form und menschliche Symbolik zur Erweiterung des eigenen Ichs.

 

The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Wien 2021, S. 56.
Essay

The sculptures by the Wuppertal-based British artist Tony Cragg are characterized by their interplay of material, form, and symbolism. As early as the 1970s, Cragg abandoned the classical tradition of sculpture and instead began working with unconventional materials such as plastic, fiberglass, and Kevlar. With these industrial and seemingly rigid materials, he creates figures with an intrinsic sense of dynamism and movement. The flowing appearance of Cragg’s “fusions” plays with the tension between abstraction and representationalism—it neither concentrates on essential elements in the style of Fritz Wotruba nor does it allow the view of a single valid image as the works of his contemporary Antony Gormley do. At the same time, the anthropomorphic aspect of Cragg’s sculptures becomes a leitmotif within his oeuvre. Thus, beginning with the series Rational Beings in the 1990s, his work is characterized by a certain corporeal symbolism.

Spyrogyra is emblematic both for the conceptual development of Cragg’s work, as well as his turn toward the organic. Clearly evident is the art-historical allusion to Bottle Rack (1914) by Marcel Duchamp, a principal pioneer of the readymade and twentieth-century conceptualism. In its departure from purely object-specific inflexibility, however, Cragg’s sculpture formulates a fundamental tension between the hardness of steel and the natural-looking spiral form that rises like a strand of DNA. The bottles themselves are not specific found objects, but rather generic types; they evoke the impression of variously shaped limbs of a living organism in constant motion. In this way, Cragg lends the work a highly interactive basis—it reconfigures itself not only each time it is set up but also each time one walks around it. Named after a species of green algae, Spyrogyra thus represents a decisive point in Cragg’s artistic development.

Both through its slender silhouette and the contours of human faces protruding from the seemingly moving mass, the sculpture Point of View from 2003 evokes the impression of a living counterpart seeking to engage in a dialogue with the viewer. The poignant spatial presence invites one to walk around the work, revealing endless, constantly changing perspectives. In the polished metal surface, the reflections of light, the surroundings, and the viewer take on new forms with every step. Point of View thus playfully negotiates the transience of the moment, which is ultimately based on the curiosity to discover the next one. The ephemerality of the material world, which so often serves as the starting point to Cragg’s work, thus becomes an extension of the self through amorphous form and human symbolism.

The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Vienna 2021, S. 56.

Provenance
  • Sammlung Essl
  • Familiensammlung Haselsteiner

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/430532/point-of-viewImage Request
    Last edited26.07.2021