Muttergottes mit Kind, dem Johannesknaben und anderen Heiligen
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1547-1550
F. Richardson hat die Hl. Familie mit dem Johannesknaben und den Heiligen Elisabeth und Maria Magdalena wegen ihrer brillanten Ausführung als eine der schönsten Radierungen von Schiavone angesehen. In der Physiognomie des hl. Josef und der graziösen Haltung der hl. Magdalena wirkt zwar noch der Einfluss Parmigianinos nach, doch vermisst man die poesievolle Stimmung und den märchenhaften Charme, welche die Darstellungen des Parmaer Künstlers auszeichnet. Die Figurengruppe kennzeichnet vielmehr eine klassische Strenge, welche durch die plastisch skulpturale Gestaltung der Körper unterstrichen wird. Darüber hinaus charakterisiert die Heiligengestalten eine monumentale Auffassung, welche durch die massigen Säulen auf hohen Postamenten noch gesteigert wird. Bei dem dreiecksförmigen Aufbau hat man auf Bezüge zu Raffaels Madonnenbildern wie die Hl. Familie Canigiani in München (Alte Pinakothek; https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/wE4KqoKLZ5§) hingewiesen. Das Bild ist in einem gegenseitigen Stich von Giulio Bonasone (B. XV, S. 128, Nr. 65; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch_albertina1813bd15/0132/image,info§) überliefert, der aber als Vorlage nicht in Frage kommt, wenn die Datierung des Druckes um 1560 von S. Massari (Rom 1985, S. 187, Nr. X1.; https://permalink.obvsg.at/alb/ALB0030179§) zutrifft. Möglicherweise kannte der Künstler die Komposition Raffaels durch eine Kopie. Während sich Schiavone bei den Architekturteilen auf vertikal verlaufende Gravuren beschränkt, verwendet er bei den Figuren relativ regelmäßig verlaufende Linien, die sich an den Gliedmaßen runden und je nach deren Lage überkreuzen und den Oberflächen ein höchst differenziertes Aussehen verleihen. Jede Figur ist individuell behandelt und tritt in ein klares räumliches Verhältnis zur nächsten. Dies gelingt dem Künstler auch dadurch, dass die Körper wirkungsvoll verkürzt und die Arme und Beine jeweils in deutlichem Abstand hintereinander gesetzt sind. So wird etwa klar erkennbar, dass sich Christus und Johannes genau in der Mitte zwischen Maria und Elisabeth befinden. Zu der raumhaften Wirkung der Szene tragen zudem die hintereinander gestaffelten Säulen auf dekorierten Sockeln bei, die im Übrigen eine enge Verwandtschaft mit denen in der Verkündigung an Maria (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 114, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) aufweisen. F. Richardson datierte die hier besprochene Radierung um 1549-1553, wohingegen nach Auffassung des Autors eine Entstehungszeit um 1547-1550 wahrscheinlich ist. Es bestehen enge Berührungspunkte mit dem Blatt der Predigt des hl. Paulus in Athen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 113, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§), das nicht nur das gleiche Format aufweist, sondern auch hinsichtlich des feinen, differenzierten Liniensystems vergleichbar ist. Beide Radierungen eint zudem eine Vorliebe für raffinierte Kleidungen und Frisuren. Der Puttenkopf im Haar der jungen Frau im Vordergrund der Predigt Pauli kehrt bei der Muttergottes wieder, und das breite Halsband mit einem Tierkopf und das Schmuckstück an ihrem rechten Oberarm finden sich nahezu identisch bei der hl. Maria Magdalena wieder. Das parmigianineske Gesicht Magdalenas erinnert an das des Knaben im Hintergrund der Predigt Pauli, und auch der Typus des Josef mit dem unter der phrygischen Mütze hervorquellenden Haar taucht dort ähnlich neben der Gestalt des Johannes auf. Gegen eine spätere Datierung des Blattes spricht, dass sich zu Beginn der 1550er-Jahre ein Stilwandel im Werk des Künstlers abzeichnet, der hier noch nicht erkennbar ist. Während sich die Figuren in den vorangehenden Jahren schwungvoll in den Raum hineinbewegen, sondern sie sich in Blättern wie der Muttergottes mit Kind, dem Johannesknaben und anderen Heiligen (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 120, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) von diesem ab. Sie bestimmen nun selbst den Raum, nehmen ihn durch ihre physische Präsenz von sich aus in Besitz.
Wie C. Callegari festgestellt hat, lassen sich sieben Zustände von dem Blatt nachweisen. Vom ersten Zustand im British Museum in London (Inv. 1858,0417.1616; https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1858-0417-1616§) und dem zweiten im Metropolitan Museum in New York (Zerner 1979, S. 92; https://www.metmuseum.org/art/collection/search/365115§) ist der durch das Exemplar in der Albertina vertretene dritte Zustand am einfachsten durch eine Korrektur beim Christuskind zu erkennen. Schiavone war mit der Position des hinter dem Oberschenkel der Maria verschwindenden rechten Beines unzufrieden. Er änderte dies ab und ließ fortan den Christusknaben mit beiden Beinen auf den Oberschenkeln seiner Mutter stehen.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 113, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
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