Männlicher Akt
Juste de Juste
ca. 1545
Einzigartig in der Druckgrafik der französischen Renaissance ist die Serie von 17 Blättern, die ausgemergelte, nackte männliche Figuren in verzerrten Posen, teils als Einzelfigur, teils in Gruppen zu Menschpyramiden formiert, darstellen. Die Radierungen zeichnen sich besonders durch die manieristische Überbetonung der Muskulatur, verdrehte Körperhaltungen und die Längung der Körper und Gliedmaßen aus. Aufgrund des auf einigen Blättern enthaltenen Monogramms »IVSTE« werden sie dem italienischstämmigen Künstler Juste de Juste zugeschrieben, der in den 1530er-Jahren in Fontainebleau als Maler, Bildhauer und Stuckateur tätig war. Die Zuschreibung wird jedoch mittlerweile infrage gestellt. Die Entstehung der höchst exzentrischen Blätter im höfischen Umfeld gilt überhaupt als eher unwahrscheinlich.
Der oft spontane Duktus des Strichbildes einer Radierung steht der Anmutung einer Zeichnung näher als andere Hoch- und Tiefdruckverfahren, was ihre zunehmende Beliebtheit erklärt, bis sie im 18. Jahrhundert alle übrigen druckgrafischen Techniken dominierte.
Wie viele bahnbrechende Erfindungen bietet die Radierung Vor-, aber auch Nachteile: Sie ist, da die Radiernadel wie ein Stift geführt werden kann, wesentlich schneller und Kräfte sparender auszuführen als der mit unterschiedlichen Sticheln vorzubereitende Kupferstich. Der Nachteil sind die durchwegs gleichartigen und bei genauem Hinsehen stumpf ausgefransten Linien, die, wenn sie allzu dicht beieinanderliegen, jede noch so gelungene Komposition verunklären können. Bei Eisenradierungen besteht außerdem die Gefahr der allmählichen Plattenkorrosion, aus der im Druckbild wolkige graue Flecken resultieren.
Der erste, der eine nach diesem Verfahren geätzte Platte auf Papier abdruckte, war nach heutigem Kenntnisstand Daniel Hopfer (Kaufbeuren 1471–1536 Augsburg). Sein "Christus als Schmerzensmann" ist die älteste in der Albertina verwahrte Eisenradierung und überhaupt eines der frühesten Beispiele für diese Technik.
