Albrecht Dürer, Selbstbildnis als Dreizehnjähriger, Inv. Nr.: 4839
Selbstbildnis als Dreizehnjähriger
Albrecht Dürer, Selbstbildnis als Dreizehnjähriger, Inv. Nr.: 4839
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Selbstbildnis als Dreizehnjähriger

Albrecht Dürer

1484




Dürers Selbstbildnis als Dreizehnjähriger ist nicht nur das früheste erhaltene Werk des Künstlers, es ist gleichzeitig die früheste bekannte Kinderzeichnung überhaupt. Die verblüffende Qualität des Blattes demonstriert das erstaunliche Talent und die Beobachtungsgabe des Heranwachsenden. Das Arbeiten mit Silberstift auf grundiertem Papier erfordert vom Zeichner höchste Präzision und erlaubt kaum Korrekturen. Dürers eigene Zufriedenheit mit der Zeichnung zeigt sich darin, dass sie sorgsam aufbewahrt wurde. Zu einem späteren Zeitpunkt merkte Dürer darauf an, dass er sich selbst mithilfe eines Spiegels gezeichnet habe.



Dürer’s Self-Portrait at the Age of Thirteen is not only the artist’s earliest known work but also the earliest preserved children’s drawing. Its astonishing quality testifies to the youth’s extraordinary talent and power of observation. The silverpoint drawing on primed paper employed by Dürer demands the highest degree of discipline and permits almost no corrections. Dürer noted at a later date on the drawing that he depicted himself here with the help of a mirror.



Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1484
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSilberstift auf grundiertem Papier
Dimensions27,3 × 19,5 cm
Rahmenaußenmaß 51,7 × 43,1 × 4,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number4839
Inscribedr.o. von Dürer nachträglich bezeichnet: "Dz hab ich aws eim spigell nach / mir selbs kunterfet im 1484 iar / do ich noch ein kint was / Albrecht Dürer"
Signedr.o. "Albrecht Dürer"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
WatermarkKein Wasserzeichen feststellbar
Text

Tradition und Aufbruch sind auf dieser frühesten bekannten Zeichnung Albrecht Dürers vereint. Mit für einen 13-Jährigen erstaunlicher Qualität und mit eindringlichem und konzentriertem Blick hat sich Dürer offenbar unter Zuhilfenahme eines Spiegels schon sehr früh mit sich selbst auseinander gesetzt. Selbstporträt, Verwendung eines Spiegels und gestenreiche Hand werden in Dürers Kunst zum wiederkehrenden Leitmotiv. Mit dem später von ihm selbst hinzugefügten Text -  "Daz hab ich aws eim spigell nach mir selbs kunzterfet Im 1484 jar do ich noch ein kint was. Albrecht Dürer" - gibt er uns über den Zeitpunkt der Entstehung der Zeichnung Auskunft. Damit hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt, das von der Nachwelt paraphrasiert wurde. Spätestens 1576 hatte zum Beispiel #Hans Hoffmann das Dürer'sche Frühwerk kopiert, und um 1604/05 kehrt die Zeichnung in Form eines Medaillons auf einer auf Dürers Erfindung beruhenden Pergamentarbeit von #Daniel Fröschl, heute im Kunsthistorischen Museum, wieder.  Auf diese Weise zog die Albertina-Zeichnung eine über ihre zeichnerischen Qualitäten hinausgehende Wirkung nach sich, die über die bei näherer Betrachtung sichtbar werdende Schwächen hinwegtäuscht. Die Arbeit weist den Autor des Blattes zwar als talentierten, aber noch nicht reifen Künstler aus. Die kaum vom Haupthaar unterscheidbare Quaste der Mütze und die zu groß geratene Hand wurden nicht zu Unrecht kritisiert; der Faltenwurf ist noch nicht naturalistisch gegeben, und starke Überschneidungen und extreme Verkürzungen sprechen für die Raumauffassung eines noch sehr jungen Menschen. Auffallend ist zweifellos der Zeigegestus der Hand, der deutlich in eine bestimmte Richtung weist, das Ziel aber zugleich offen lässt. Noch lernte der junge Dürer in der Goldschmiedewerkstatt seines Vaters; erst 1486 sollte er seinem eigenen Wunsch folgen und in die Werkstatt #Michael Wolgemuts eintreten, um Maler zu werden. Viel mehr, als dass der junge Dürer auf dieser Zeichnung bereits ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein ausstrahlt und er sich seiner Bestimmung als Künstler bereits im Klaren gewesen sein mag, lässt sich aus diesem Gestus aber nicht herauslesen.
Traditionell sind die Materialien, deren sich der junge Dürer als Zeichner bediente: Silberstift auf weiß grundiertem Papier war eine aus den Niederlanden tradierte Technik, die dem Zeichner große Fertigkeiten abverlangte, konnten doch Fehler nur durch eine Neugrundierung des gesamten Blattes korrigiert werden, wobei eine bereits begonnene Zeichnung verloren gegangen wäre. Pentimenti an der Mütze, am rechten Arm und am ausgestreckten Zeigefingers verraten demnach das vorsichtige Herangehen des Zeichners, der zunächst mit einer ganz leichten Vorzeichnung die Umrisse festlegte, um in einem nächsten Schritt mit kräftigerem Strich die Konturen zu fixieren. Insgesamt haftet der Zeichnung in der spitz zulaufenden, körperlosen Hand und dem puppenartigen Gesicht sowie in der Vernächlässigung räumlicher und plastischer Werte vor allem in den Gewandfalten noch etwas Gotisches an.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 1, S. 116.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 30
  • Winkler 1
  • Strauss 1484/1
  • Bibliography
  • AK Albertina 1971, Nr. 1
  • Reinhard Liess, Das Selbstbildnis des dreizehnjährigen Dürer, in: Kunst und Kunsterziehung. Beiträge zur Kunsterziehung, Kunstgeschichte und Ästhetik. Festschrift für Ernst Straßner, Göttingen 1975, S. 77-100
  • Benesch 1981, Nr. 68
  • AK Düsseldorf 1991, S. 8, Abb. 5
  • Koerner 1993, S. 35-37, 42 f., 44-51, Abb. 19
  • John Rowlands und Giulia Bartrum, Drawings by German Artists and Artists from German-speaking regions of Europe in the Department of Prints and Drawings at the British Museum: the Fifteenth Century, and the Sixteenth Century by Artists born before 1530, London 1993, S. 212, Nr. 270 (Kopie London)
  • AK Wien 1994 a, S. 144
  • Budde 1996, Z/6
  • Stüwe 1997, S. 39f
  • AK London 2002/03, S. 79, Nr. 1
  • Eberlein 2003, S. 10-11, 49, 55 f.
  • AK Albertina 2003, Nr. 1 (H. Widauer)
  • AK Madrid 2005, S. 80-81, Nr. 1 (H. Widauer)
  • Thürlemann 2008, S. 7-8
  • Silver/Smith 2010, S. 6, 16, 18, 75
  • Wolf 2010, S. 27
  • Filippi 2011, S. 147-150
  • AK Nürnberg 2012, S. 261-262 (T. Eser), S. 265, Nr. 2
  • Anne-Marie Bonnet und Gabriele Kopp-Schmidt, Die Malerei der deutschen Renaissance, München 2012, S. 72-73, Dürer Kat. 1, mit Abb.
  • Schauerte 2012, S. 23-25
  • Smith 2012, S. 24-26
  • Strieder 2012, S. 9-10, 342
  • AK The Young Dürer. Drawing the Figure, London, The Courtauld Gallery, 2013, S. 44 (Beitrag David Freedberg)
  • Stephan Kemperdick, "Nach mir selbs kunterfet". Bildnisse und Selbstbildnisse, in: AK Dürer. Kunst - Künstler - Kontext, Städel Museum Frankfurt a. M. 2013, S. 93-99
  • Anja Grebe, Dürer. Die Geschichte seines Ruhms, Petersberg 2013, S. 82-83 (zur Inschrift), 210
  • Andrea Bubenik, Reframing Dürer. The Appropriation of Arts, 1528-1700, Farnham 2013, S. 25-26
  • Andrew Robinson und Klaus Albrecht Schröder, Albrecht Dürer. Master Drawings, Watercolors, and Prints from the Albertina (Ausst.-Kat. Washington 2013), München/London/New York 2013, S. 46-47, Nr. 1 (Heinz Widauer)
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 446, Kat. 2
  • Ksenija Tschetschik-Hammerl, Nach Dürer. Kunst begegnet Natur bei Hans Hoffmann und Daniel Fröschel, Petersberg 2023, S. 118-122, 270, Nr. 96 (zur Kopie Hans Hoffmanns)
  • Anja Grebe, Albrecht Dürer. Der Künstler und seine Zeit, Berlin 2025, S. 16-17
  • Provenance
  • Willibald Imhoff (1519-1580), Nürnberg (Kunstbuch, Verzeichnis 1588, Zeichnung 6: "Des Albrecht Dürers Contrafait, da Er noch ein Kind gewesen, mit einem silbern Griffel.")
  • 1588 an Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    zum Werk
    zum Werk

    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/86745/selbstbildnis-als-dreizehnjahrigerImage Request
    Last edited24.06.2026