Selbstbildnis als Dreizehnjähriger
Albrecht Dürer
1484
Dürers Selbstbildnis als Dreizehnjähriger ist nicht nur das früheste erhaltene Werk des Künstlers, es ist gleichzeitig die früheste bekannte Kinderzeichnung überhaupt. Die verblüffende Qualität des Blattes demonstriert das erstaunliche Talent und die Beobachtungsgabe des Heranwachsenden. Das Arbeiten mit Silberstift auf grundiertem Papier erfordert vom Zeichner höchste Präzision und erlaubt kaum Korrekturen. Dürers eigene Zufriedenheit mit der Zeichnung zeigt sich darin, dass sie sorgsam aufbewahrt wurde. Zu einem späteren Zeitpunkt merkte Dürer darauf an, dass er sich selbst mithilfe eines Spiegels gezeichnet habe.
Dürer’s Self-Portrait at the Age of Thirteen is not only the artist’s earliest known work but also the earliest preserved children’s drawing. Its astonishing quality testifies to the youth’s extraordinary talent and power of observation. The silverpoint drawing on primed paper employed by Dürer demands the highest degree of discipline and permits almost no corrections. Dürer noted at a later date on the drawing that he depicted himself here with the help of a mirror.
Rahmenaußenmaß 51,7 × 43,1 × 4,4 cm
Tradition und Aufbruch sind auf dieser frühesten bekannten Zeichnung Albrecht Dürers vereint. Mit für einen 13-Jährigen erstaunlicher Qualität und mit eindringlichem und konzentriertem Blick hat sich Dürer offenbar unter Zuhilfenahme eines Spiegels schon sehr früh mit sich selbst auseinander gesetzt. Selbstporträt, Verwendung eines Spiegels und gestenreiche Hand werden in Dürers Kunst zum wiederkehrenden Leitmotiv. Mit dem später von ihm selbst hinzugefügten Text - "Daz hab ich aws eim spigell nach mir selbs kunzterfet Im 1484 jar do ich noch ein kint was. Albrecht Dürer" - gibt er uns über den Zeitpunkt der Entstehung der Zeichnung Auskunft. Damit hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt, das von der Nachwelt paraphrasiert wurde. Spätestens 1576 hatte zum Beispiel #Hans Hoffmann das Dürer'sche Frühwerk kopiert, und um 1604/05 kehrt die Zeichnung in Form eines Medaillons auf einer auf Dürers Erfindung beruhenden Pergamentarbeit von #Daniel Fröschl, heute im Kunsthistorischen Museum, wieder. Auf diese Weise zog die Albertina-Zeichnung eine über ihre zeichnerischen Qualitäten hinausgehende Wirkung nach sich, die über die bei näherer Betrachtung sichtbar werdende Schwächen hinwegtäuscht. Die Arbeit weist den Autor des Blattes zwar als talentierten, aber noch nicht reifen Künstler aus. Die kaum vom Haupthaar unterscheidbare Quaste der Mütze und die zu groß geratene Hand wurden nicht zu Unrecht kritisiert; der Faltenwurf ist noch nicht naturalistisch gegeben, und starke Überschneidungen und extreme Verkürzungen sprechen für die Raumauffassung eines noch sehr jungen Menschen. Auffallend ist zweifellos der Zeigegestus der Hand, der deutlich in eine bestimmte Richtung weist, das Ziel aber zugleich offen lässt. Noch lernte der junge Dürer in der Goldschmiedewerkstatt seines Vaters; erst 1486 sollte er seinem eigenen Wunsch folgen und in die Werkstatt #Michael Wolgemuts eintreten, um Maler zu werden. Viel mehr, als dass der junge Dürer auf dieser Zeichnung bereits ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein ausstrahlt und er sich seiner Bestimmung als Künstler bereits im Klaren gewesen sein mag, lässt sich aus diesem Gestus aber nicht herauslesen.
Traditionell sind die Materialien, deren sich der junge Dürer als Zeichner bediente: Silberstift auf weiß grundiertem Papier war eine aus den Niederlanden tradierte Technik, die dem Zeichner große Fertigkeiten abverlangte, konnten doch Fehler nur durch eine Neugrundierung des gesamten Blattes korrigiert werden, wobei eine bereits begonnene Zeichnung verloren gegangen wäre. Pentimenti an der Mütze, am rechten Arm und am ausgestreckten Zeigefingers verraten demnach das vorsichtige Herangehen des Zeichners, der zunächst mit einer ganz leichten Vorzeichnung die Umrisse festlegte, um in einem nächsten Schritt mit kräftigerem Strich die Konturen zu fixieren. Insgesamt haftet der Zeichnung in der spitz zulaufenden, körperlosen Hand und dem puppenartigen Gesicht sowie in der Vernächlässigung räumlicher und plastischer Werte vor allem in den Gewandfalten noch etwas Gotisches an.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 1, S. 116.
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