Melencolia I ( Die Melancholie)
Albrecht Dürer
1514
Die Jahre 1513 und 1514 markieren mit den drei sogenannten Meisterstichen den Höhepunkt in Dürers grafischem Schaffen. Das früheste Blatt zeigt einen geharnischten Reiter, verfolgt von zwei monströsen Gestalten. Er trägt die Ausrüstung einer 1498 etablierten maximilianischen Reitertruppe. Dies gibt der Deutung Nahrung, es handele sich um einen ›Ritter Christi‹, der sich allen Anfeindungen zum Trotz für den christlichen Glauben einsetzen solle.
Mit dem Heiligen Hieronymus im Gehäus erfand Dürer ein häusliches Gegenbild dazu. Der Kirchenvater sitzt schreibend in einer Stube. Vorne ruhen ein Hündchen und der Löwe, der stete Begleiter des Heiligen. Mit größtem Feingefühl schildert Dürer die Oberflächen von Stein oder gemasertem Holz. Die Butzenscheiben lassen das gleißende Sonnenlicht vielfach gebrochen in den Raum fluten.
Vor das größte Rätsel stellt uns das mit Melencolia I betitelte Blatt. Eine geflügelte Frauenfigur sitzt verdrossen auf einer Stufe und hantiert mit einem Zirkel. Auch der Hund zu ihren Füßen und der auf einem Mühlstein hockende Putto dösen vor sich hin. Umgeben ist sie von einem Durcheinander von geometrischen Körpern, Handwerkszeug, medizinischen und alchemistischen Instrumenten. Nach humanistischer Auffassung war die Melancholie ein Ausweis von Genialität und Schöpfertum. So darf die sitzende Gestalt als ein inneres Selbstbildnis des Künstlers gesehen werden.
Platte: 24,2 × 19,1 cm
Darstellung: 23,9 × 18,6 cm
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts avancierte der "Melancholie"-Stich zum "Bild der Bilder" (Peter-Klaus Schuster). Kein anderes Werk Dürers ist von Kulturwissenschaftlern, Kunsthistorikern, Medizinern, Mathematikern, Astronomen, Freimaurern so ausführlich beschrieben, analysiert und interpretiert worden. Alle Ängste und Urteile eines Jahrhunderts, das man auch das Freud'sche nennt, schienen in der Komposition gebündelt. Turmhoch stapelt sich inzwischen die Sekundärliteratur über einer Grafik, die kleiner als ein DIN A 4-Bogen ist. So erstaunt nicht, dass es Gegenreaktionen gibt. Horst Bredekamp spricht von der "Götterdämmerung des Neuplatonismus". Er rüttelt an den Säulen des Denkgebäudes, das von Erwin Panofsky bis zu Peter-Klaus Schuster über Dürers Stich errichtet worden ist. Skepsis ist in der Tat angebracht. Verfügte Dürer bekanntlich nicht über das Hilfsmittel der Bibliothek Aby Warburgs oder Arbeitsmöglichkeiten im Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey.
Was sieht man auf dem Blatt? Ein Drittel der Bildfläche füllt ein mächtiges, geflügeltes Weib. Es sitzt brütend auf einer Steinbank, im Schoß ein geschlossenes Buch, in der Rechten einen in dieser Pose funktionslosen Stechzirkel haltend. Auf dem Kopf trägt sie einen Kranz von Kräutern. Ihr Gesicht ist verschattet. Auf einem abgenutzten Mühlstein in der Bildmitte sitzt auf einer Tafel kritzelnd ein Knäblein. Rechts von ihm rückt ein gewaltiger, aus Stein gehauener Polyeder ins Bild. Den Hintergrund bildet links ein See, über den sich der Nachthimmel mit einem kosmischen Bogen und einem Schweifstern wölbt. Ein fledermausartiges Tier weist auf einem Schriftband den Titulus "MELENCOLIA I". Der schlafende Hund neben dem Mühlstein lässt an die ruhenden Tiere auf Dürers Stich "Hieronymus im Gehäus" (Inv. DG1930/1511) denken. Allerlei Gerät füllt den Vordergrund: Kugel, Hobel, Säge, hölzernes Richtscheit, Nägel, Klistierspritze.
Oberhalb der beiden Figuren erhebt sich angeschnitten ein tür- und fensterloser Turm, an den eine Leiter gelehnt ist. An seinen zwei sichtbaren Wänden sind angebracht eine Waage, eine Sanduhr, eine Glocke mit Zugseil, ein Magisches Quadrat, dessen Ziffernreihen waagerecht, senkrecht wie diagonal als Summe 34 ergeben. Die obere Reihe kann als Sterbetag von Dürers Mutter gelesen werden: 16 / 3+2 = 5 [Mai] / 1+3 = 14 [1514]. Das über dem Zahlenquadrat angebrachte Totenglöcklein nimmt auf das Ableben der #Barbara Dürer Bezug, die Sanduhr ist ein geläufiges Symbol verrinnenden Lebens. Den Stich könnte man auch "Gedenkblatt auf den Tod der Mutter" nennen. Der Bericht des Sohnes über ihr Sterben zählt zu eindringlichsten privaten Prosatexten. Dürer verarbeitet den Verlust, indem er sich die folgenden Monate in Arbeit stürzt. Vor allem das Geduld und höchste Konzentration erfordernde, nicht nur die Augen ermüdende Stechen in Kupfer scheint ihn abgelenkt zu haben. Die "Melancholie" ist unter den in rascher Folge ab Mai 1514 entstandenen Stichen neben der "Maria an der Mauer" (Bartsch 7, 40) das persönlichste Zeugnis. In der sitzenden Gestalt hat man zu Recht ein inneres Selbstbildnis des Künstlers erkannt. "Der in die Hand gestützte Kopf" ist seit dem Altertum ein geläufiger Topos für Trauer und Schwermut. Der Blätterkranz um das Haupt vereint Schmerz - auch Kopfschmerz - lindernde Heilpflanzen, litt der Künstler doch, nach dem Zeugnis #Philipp Melanchthons, an der "melancholia ... Dureri generosissima", der göttlichen Schwermut.
Melancholie leitet sich vom griechischen "melaina" ab, der schwarzen Galle. Deshalb hat Dürers Hauptfigur ein schwarzes Gesicht. Antike Ärzte entwickelten ein Schema von vier Körpersäften, deren Mischungsverhältnis über die Befindlichkeit des einzelnen Menschen entschied. Aus dieser Humoralpathologie entstand die Vorstellung der vier Temperamente: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker. Dieses Viererschema erweiterte man durch die Zuordnung bestimmter Planeten, der vier Elemente, der vier Jahreszeiten, der vier Winde, spezieller Tiere und Farben. Viele Einzelheiten des Stichs lassen sich aus diesen Vorstellungen ableiten und erklären. Dürer glaubte an das Schema, da er schreibt: "Item wir haben mencherley gestalt der menschen vrsach der fir camplexen." Das melancholische Temperament, im Mittelalter durchweg negativ beurteilt, adelten in Italien Philosophen des Neuplatonismus, etwa Marsilio Ficino (1433-1499). Melancholie galt nun als Ausweis von Genialität und höchstem Schöpfertum. Dürer übertrug diese neue positive Einschätzung melancholischen Temperaments auf sich und sein Schaffen.
Mit dem Stich der sitzenden Melancholie fand er eine griffige bildliche Formel, die bis heute wirkungsmächtig blieb. #Giorgio Vasaris Einschätzung, der Stich gehöre zu den Kunstwerken, die die ganze Welt in Erstaunen setzen - "che feciono stupire il mondo" -, ist weiterhin aktuell.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 142, S. 442-424.
In düsterem Grübeln hat sich eine geflügelte Frauenfigur vor einem Wandstück niedergelassen, ohne einen Blick für die strahlende Himmelserscheinung zu haben, die sich über einer weiten, nächtlichen Küstenlandschaft vollzieht. Umgeben ist sie von einer unordentlich wirkenden Folge von Figuren und Gegenständen, deren meiste aus den Gebieten der Mathematik oder der artes mechanicae stammen und nicht – wie man vermuten könnte – aus den bildenden Künsten oder der Literatur. Untätig ruht die Hand mit dem Zirkel, Sinnbild schöpferischen Entwerfens, im Schoß der Sitzenden. Die insgesamt sehr dunkle Tonigkeit des Blattes erlaubte Dürer wirkungsvolle Kontraste zu den wenigen und umso dramatischer akzentuierenden Weißstellen. Dieses Mittel verschränkt sich mit seiner stupenden Fähigkeit, die verschiedensten Materialbeschaffenheiten und Oberflächen naturgetreu und plastisch wiederzugeben. So erscheint eine an sich irreale Situation auf den ersten Blick räumlich und atmosphärisch vollkommen plausibel, erzeugt aber bei näherem Hinsehen jene Aura des Übernatürlichen, Albtraumhaften und Visionären.
Mit seinem Meisterstich nahm sich Dürer zielstrebig eines Themas an, das seit Beginn des Jahrhunderts in Intellektuellenkreisen diskutiert wurde und das auch den Kaiser selbst berührte: der Krankheit der Melancholie. Deutlich wird dies Anfang 1514 in einem Brief von Konrad Peutinger, der ein Freund Dürers, Maximilians Ratgeber und Kustos seiner Münzsammlung war, über die korrekte Interpretation einer griechischen Herkules-Münze aus einem Fund in Oberungarn. Maximilian selbst hatte angefragt, und sein Interesse war ein zweifaches: Er wollte sich zum einen als Nachfahr des »Hercules Aegyptius« bestätigt sehen, wobei auch von Belang war, dass dieser sich selbst verbrannt haben soll, um die Menschheit vor den schlimmen Folgen der Melancholie zu bewahren (Giehlow 1903, S. 30–31). Das bis heute Faszinierende an diesem Melancholie-Komplex ist die Tatsache, dass deren bislang negative Deutung einer differenzierteren Sichtweise gewichen war: Man meinte erkannt zu haben, dass diese Gemütserkrankung nur die begabten und schöpferischen Menschen ereilen kann und dass sie zwar durchaus lähmend und quälend sein kann, andererseits aber auch zu geistigen Höchstleistungen beflügelt – letztlich also in mancherlei Hinsicht eine Vorwegnahme des modernen Geniebegriffs.
Große Hoffnung hinsichtlich einer Dechiffrierung aller Sinnschichten des Kupferstichs schöpfte die Forschung, als Carl Giehlow Dürers im Auftrag Maximilians genau gleichzeitig entstandenen Illustrationen für die Hieroglyphica des Horapoll (Staatliche Museen zu Berliln, Kupferstichkabinett, KdZ 8464, Ausst.-Kat. Wien Albertina 2012, Nr.38) ins Spiel brachte. Und auch wenn diese dann kaum einen nennenswerten Beitrag zu einer »Entschlüsselung« des Blattes boten, bilden sie doch ein dem Prinzip nach ähnliches Verfahren ab: Verschiedene Bildgegenstände mit jeweils eigenen ikonografischen Konnotationen werden in einem zunächst plausibel erscheinenden Bildgeschehen miteinander in Reaktion gebracht und können sich nun – darin etwa bestimmten Planetenkonstellationen vergleichbar – wechselseitig in ihrem Sinngehalt beeinflussen. Ihre Deutung hängt wiederum vom jeweiligen Bildungsstand und Denkvermögen des Betrachters ab, ist also generell offenbar variabel. Dies zeigt sich im sogenannten Misterium (Geheimbild) der Ehrenpforte (Inv. DG1935/973): Hier findet sich ebenfalls eine Sitzfigur, die von allen möglichen Bildgegenständen – den vermeintlichen Hieroglyphen – umgeben ist. Zwar wird die Gesamtaussage des Bildes in den Erläuterungen zu dem Riesenholzschnitt dargelegt, aber es bleibt, wie unten ausdrücklich erklärt wird, dem Scharfsinn des Betrachters überlassen, die Bildsymbole den einzelnen Aussagen zuzuordnen. Interessant dürfte dies für Maximilian und die Humanisten seiner Umgebung gewesen sein, weil nun zu der rein kumulativen, meist aus ermüdenden Reihungen bestehenden Untermauerung der kaiserlichen Bedeutsamkeit eine geistvollere Alternative zur Verfügung zu stehen schien.
Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 79, S. 296.
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