Das Meerwunder
Albrecht Dürer
um 1498
Der von Dürer selbst Meerwunder genannte Stich zeigt eine aus antiker Geschichtsschreibung und Mythologie entwickelte Begebenheit, die bis heute nicht endgültig entschlüsselt ist. Dargestellt ist die Entführung einer nackten Schönen durch ein bizarres Mischwesen aus Mensch und Fisch. Am bergigen Ufer, das von mächtigen Burgen bewacht wird – die tiefer liegende ist der von Nordwesten gesehene Haupttrakt der Nürnberger Burg –, sehen wir einen hysterisch gestikulierenden Orientalen, den mutmaßlichen Vater des durchaus nicht panischen Opfers. Von den vielen Deutungen überzeugt keine, denn von den bekannten antiken Entführungsfällen entspricht keiner dem hier gezeigten Tathergang. Womöglich wählte Dürer die spektakuläre Rahmenhandlung nur, um sein Hauptmotiv, die all’antica posierende Schöne, besonders aufsehenerregend zu inszenieren.
Platte: 24,9 × 18,7 cm
Einfassungslinie: 24,9 × 18,7 cm
Das von Dürer selbst "Meerwunder" genannte Blatt zählt zu der Gruppe der frühen mythologisierenden Stiche, die sich thematisch nicht eindeutig klären lassen. Dass eine Entführung gemeint ist, bestätigt die (Halb-)Zeichnung "Raub der Europa" (Inv. 3062), wo die erschreckten Gefährtinnen des Opfers am Ufer den hiesigen weitgehend gleichen. Die Frau, mit Diadem und Perlenkette als orientalische Prinzessin stilisiert, schaut zwar bekümmert (ähnlich der "Wollust" im gleichzeitigen Kupferstich "Die Eifersucht", Bartsch 7, 73), lässt sich jedoch von dem bizarren Greis, ein Triton halb Mann halb Fisch, widerstandslos aufs Meer hinaustragen (der mutmaßliche Vater: ein gestikulierender Türke am Ufer).
Keiner der vielen vorgeschlagenen mythologischen Entführungsfälle konnte passend überzeugen. Es scheint vielmehr, Dürer habe eine spektakuläre Rahmenhandlung gewählt, um sein Hauptmotiv, die liegende Schöne auffällig zu inszenieren. Diese lagert, der Situation des Frauenraubs unangemessen, halb liegend, halb sitzend, entspannt wie auf einem Kanapee. Es ist eine zeitlos klassische Haltung, die noch bei #Canovas "Paolina Borghese" (1804/08 https://en.wikipedia.org/wiki/Venus_Victrix_(Canova)§) wie auch in der Fotografie "Odalisque" von #Horst P. Horst (1943) wiederkehrt, diese mit einer Kopie des Dürer'schen Kopfputzes. Damit wirkt die liegende Geraubte wie ein Gegenstück zur etwa gleichzeitigen Venus im "Traum des Doktors" (Inv. DG1930/1527), mit der sie auch die sorgfältige, die einzelnen Körperpartien separat modellierende Stichtechnik verbindet. Und wie Venus in die Konstruktion Evas (Inv. 3081r) mündet, wird die Entführte zur Präfiguration des liegenden "gefisyrten" Weibs (Inv. 3072), war also wohl als Prototyp einer idealen Liegefigur in Aussicht genommen, die letztlich aber nicht weiter verfolgt wurde.
Nackte weibliche Liegefiguren waren in Florenz aufgekommen, dann in Venedig kultiviert, wo Dürer damit bekannt geworden sein dürfte; sie spielen aber - anders als z. B. bei #Cranach - bei ihm kaum eine Rolle.
Meerwesen - Tritonen, Hippokampen, Nereiden - sind in der dekorativen römischen Kunst, auf Sarkophagen und Mosaiken, reich vertreten, so überliefert auch. in Mantegnas Stich "Kampf der Meergötter", den Dürer kopierte (Inv. 3061) . Auffälligerweise erscheint statt des für Meeresmotive und Liegefiguren typischen Breitformats ein Hochformat, dessen obere Hälfte von einer aufragenden deutschen Stadt- und Mittelgebirgslandschaft gefüllt ist - Dürers bis dahin bedeutendster -, die so zum gleichberechtigten Motiv des Blattes wird. Der Stich korrespondiert thematisch und kompositionell mit der gleichformatigen Zeichnung "Pupila Augusta" (W 153), deren Umsetzung in den Kupferstich jedoch unterblieb. Man zählt elf Kopien im 16. Jahrhundert.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 58, S. 244.
