Nemesis (Das große Glück)
Albrecht Dürer
um 1501
Nemesis ist das Resultat früher Proportionsstudien, mit denen sich Dürer seit circa 1500 befasste. Eine Vorzeichnung zu dem Kupferstich beweist, dass die Figur zumindest in Teilen mit Zirkel und Maßstab konstruiert ist. Dürer zeigt die Schicksalsgöttin als geflügelten Akt in strengem Profil, der – die Unbeständigkeit des Glücks symbolisierend – auf einer Kugel hoch über einer Landschaft balanciert. Die Zügel in ihrer linken Hand sind als Sinnbild das Maßhaltens zu verstehen, der Birnenpokal in ihrer rechten als Symbol für die Belohnung guter Taten. Die Quelle von Dürers Kupferstich war ein Gedicht des Florentiner Humanisten Angelo Poliziano, in dem die Schicksalsgöttin Nemesis und die Glücksgöttin Fortuna zu einer Person vereint werden. Außerdem muss Dürer antike römische Münzen gekannt haben, von denen er die Profilansicht der Göttin übernahm. Für Details, wie die Flügel oder die Darstellung der Landschaft, konnte er auf seine eigenen Tier- und Landschaftsstudien zurückgreifen.
Nemesis was produced on the basis of early proportion studies with which Dürer occupied himself from around 1500. A preliminary drawing for the engraving reveals that the figure was at least in part constructed with compass and ruler. Dürer depicts the Greek goddess of fate as a nude winged figure in strict profile balancing herself high above a landscape on a sphere symbolizing the volatility of fortune. The pear-shaped goblet in her right hand represents a reward for good deeds while the bridle in her left hand is to be interpreted as a symbol for the repression of intemperance. The literary source of Dürer’s engraving is a poem by the Florentine humanist Angelo Poliziano, in which Nemesis and Fortuna are merged into a single deity. Dürer must have also known Roman coins from which he borrowed the motif of the goddess in profile. He could consult his own animal and landscape studies for such details as the wings or the depiction of the landscape.
Platte: 33,3 × 23 cm
Der Titel des Stiches "Nemesis" ist von Dürer selbst überliefert, aber auch "Temperanza" (Vasari), "Fortuna" (Sandrart) u.a., insbesondere "Das große Glück" (Bartsch, Heller) - im Unterschied zum "Kleinen Glück" (Bartsch 1803-1821, 7, Nr. 71) - waren oder sind gebräuchlich. Die Wahl des ungeläufigen Namens der griechischen Schicksalsgöttin, Nemesis, legt einen humanistischen Bezug nahe; tatsächlich fand Giehlow eine - später von Panofsky vertiefte literarische Quelle: #Polizians 1482 #Lorenzo Magnifico gewidmetes Gedicht "Manto". Die darin besungene "Weltmacht'" Schicksal wird von Dürer detailliert nachgezeichnet - bis auf die Nacktheit, die seine Zugabe ist.
Nemesis erscheint als korpulentes, geflügeltes Weib in den Lüften, mehr stehend als fliegend vor einem makellosen Himmel, in der Rechten einen Birnpokal (Belohnung), in der Linken schweres Zaumzeug (Strafe); unter den Füßen eine labile Kugel und ein durchhängender Wolkensaum, der sich mit dem unteren Zipfel ihres flatternden Schals mischt. Darunter ein dicht gestaltetes Landschaftsrelief aus der Vogelperspektive, in dem man die Vedute des Städtchens Klausen mit Burg Säben im Eisacktal erkannt hat (an der mutmaßlichen Position des Zeichners heute ein Gedenkstein).
Mangels Bildtradition formulierte Dürer eine Komposit-Ikonografie, deren Elemente von "Fortuna", "Temperantia", "Luxuria/Venus", "Occasio" abgeleitet sind und die in der überaus reichen Rezeption des Blattes wiederholt rezidiv wurden. Evident ist ferner die Anspielung an die römische Roma mit Viktoria-Statuette oder Viktoria mit Palladium in der ausgestreckten Hand. Formal und thematisch noch näher sind frühkaiserzeitliche Münzen mit Nemesis-Pax als geflügeltem Weib im Profil, mit Caduceus in der Hand.
Die gedankliche Dimension, die sorgfältige Ausführung und das ungewöhnlich große Druckformat signalisieren den programmatischen Rang des Blattes - sowohl als zeitgenössisches Monument wie für Dürers damaligen künstlerischen Standort. Schoch hat zu Recht die Verbindung mit der Apokalypse betont, mit der nicht nur kompositorische, sondern auch mentale Verbindungen bestehen (Zweizonigkeit, Chiliasmus). Es spricht einiges dafür, Nemesis als eine Direktive ins neue Halbjahrtausend zu deuten, die nach der apokalyptischen Zeitenwende eine verlässliche Perspektive bot, was eine Frühdatierung, wohl noch ins Jahr 1500, nahelegt.
Die Nacktheit des Weibs dürfte mit Dürers in dieser Zeit beginnender Metrisierung des menschlichen Körpers korrespondieren. Zwar ist der von Justi (und nach ihm Panofsky) behauptete Vitruvianismus nicht verifizierbar, doch ist die Figur in Teilen mit dem Zirkel konstruiert, was die mit Quadratur versehene seitenverkehrte Vorzeichnung (W 266) bestätigt. Eng verwandt ist W 265, wo der benötigten Balance mit dem Stab nachgeholfen ist. Die pyknische Körperkonstitution entspricht Frauen auf frühen Zeichnungen (W 148, 158, 159, 343) wie auch der Hexe a tergo (Inv. DG1930/1526), indes mit provokanten Rundungen gerüstet; sie mündet ins Proportionsmodell vom "starck dick weib von 8 hawpten".
Strauss zählt sieben Kopien, darüber hinaus wurde der 'Nemesis-Typ' nachgerade zum Muster einer Femme fatale des 16. Jahrhunderts.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 61, S. 250.
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