Albrecht Dürer, Landschaft mit Kanone (Die große Kanone), Inv. Nr.: DG1930/1551
Landschaft mit Kanone (Die große Kanone)
Albrecht Dürer, Landschaft mit Kanone (Die große Kanone), Inv. Nr.: DG1930/1551
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Landschaft mit Kanone (Die große Kanone)

Albrecht Dürer

1518




Fremdländisch gekleidete Gestalten betrachten staunend die von Landsknechten bewachte Kanone inmitten einer fränkischen Hügellandschaft. Die Szene spielt am Rand eines Dorfes, das als Eschenau, etwa 20 Kilometer nordöstlich von Nürnberg, identifiziert werden konnte. Die Radierung basiert auf einer Zeichnung, die Dürer dort anfertigte.



Mit der Landschaft mit Kanone (Die große Kanone) von 1518 – eine Gruppe fremdländischer Honoratioren betrachtet staunend das von Landsknechten bewachte namensgebende Geschütz – gelang Dürer zugleich eines der großartigsten Landschaftsbilder des frühen 16. Jahrhunderts: Die Begegnung zwischen Orient und Okzident findet am Rand eines in sonniges fränkisches Hügelland eingebetteten Dorfes statt, in dem die für die Gegend nördlich von Nürnberg typischen ›Schwedenhäuser‹ mit ihren hohen, strohgedeckten Walmdächern entlang eines zur Kirche führenden Weges aufgereiht sind. Dürer präsentiert hier eine sehr präzise Ansicht von Eschenau mit dem charakteristisch geformten Lindelberg im Hintergrund, einen etwa 20 Kilometer nordöstlich von Nürnberg gelegenen Ort.



With Landscape with Cannon (The Large Canon) from 1518, in which a group of foreign notables admiringly observe the eponymous weapon guarded by landsknechts, Dürer created one of the most extraordinary landscapes of the early sixteenth century. The encounter between Orient and Occident takes place on the outskirts of a village embedded in the sunny Franconian hills. So-called ‘Schwedenhäuser’ with their tall hipped thatched roofs that are so typical of the area to the north and northwest of Nuremberg can be seen here lining the path leading to a village church. Dürer presents a very accurate view of Eschenau with the characteristically shaped Lindelberg in the background about twenty kilometers to the northeast of Nuremberg.



Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1518
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesEisenradierung
Dimensions21,9 × 32,1 cm (Blatt und Einfassungslinie)
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1930/1551
EditionVor Rostflecken a
Signedl.o. "1518" und Dürer-Monogramm "AD"
WatermarkMeder 31
Text

Mit der für die Landschaftskunst lange kanonischen Dreiteilung von Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, mit einem übergroß gestalteten Baumstamm links als seitliche Kulisse, entwickelt Dürer ein breites dörfliches Panorama. Scheinbar beziehungslos zur friedvoll wirkenden Landschaft stehen im Vordergrund eine unbespannte Kanone und fünf fremdländisch gekleidete Männer. Forscherfleiß hat inzwischen viele Einzelheiten der Radierung befriedigend klären können, doch welchen inhaltlichen Sinn der Künstler seiner Darstellung unterlegte, ist eine bis heute unbeantwortete Frage.
Schon der geläufige Titel "Die große Kanone" führt in die Irre. Mit etwa zweieinhalb Metern Rohrlänge und einem geschätzten Gewicht von zwei Tonnen handelt es sich bei dem Geschütz allenfalls um ein mittleres Kaliber. Wirklich große bronzene Geschütze der Zeit, Kaliber 60 Zentimeter, wogen das Zehnfache. Waffenexperten fanden heraus, dass die abgebildete Kanone ein um 1480 gegossenes und um 1518 technisch veraltetes Modell ist. Da auf dem Block unter den Richthörnern das so genannte kleine Nürnberger Stadtwappen erkennbar ist, steht fest, dass es sich bei dem Geschütz um ein ausgemustertes Stück aus dem Nürnberger Zeughaus handeln muss. Ab 1512 ließ der Nürnberger Rat seine Artillerie erneuern. Dabei wurden nicht alle Rohre eingeschmolzen und das gewonnene Material für Neugüsse verwendet. Einzelne Kanonen, "die zu geprauchen unnütz und allain für ain zierd in das zeughaus gestellt sein" nahm man von der Verschrottung aus. Dürers "Große Kanone" ist eine Art Museumsstück. Aufbewahrt wurde es im Zeughaus ohne Räder, diese erfand Dürer hinzu. Einen Praxistest hätte sein Gefährt nie bestanden - die Räder sind zu schwach dimensioniert. In gewisser Weise korrigierte sich Dürer, als er an den Schluss seiner Befestigungslehre von 1527 einen Holzschnitt mit einem "gut geschütz" auf eine moderne Wandlafette stellte.
Frühere Interpreten spannen das Geschehen im Vordergrund anekdotisch aus. Die Figuren am rechten Rand deutete man als Türken, die staunend vor einem vermeintlichen Wunderwerk Nürnberger Rüstungstechnik stehen. Solche Anspielungen auf Türkenkriege und -gefahr sind überholt. Die Trachten der beiden Männer hinter der Einzelfigur sind als ungarisch bestimmt worden. Ob der Anführer in langem Gewand und mit Turban Dürers Züge trägt, also ein verstecktes Selbstbildnis vorliegt, bleibt offen. Eine Anspielung auf die ungarische Herkunft der Dürers wäre denkbar.
Das Dorf im Mittelgrund konnte topografisch als Kirchehrenbach bei Forchheim bestimmt werden - der See links allerdings ist erfundene Zutat. Der Tafelberg im Hintergrund ist die Ehrenbürg mit ihren zwei charakteristischen Gipfelplateaus. Auf seinem Weg von Nürnberg nach Bamberg konnte Dürer 1517 Dorf und Berg in dieser Staffelung sehen und zeichnen (W 479).

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 145, S. 428.

Catalogue raisonné
  • Bartsch VII.108.99
  • Meder 1932.108.96 vor allen Rostflecken a
  • Schoch I.210.85
  • Hollstein German VII.87.96
  • Bibliography
  • AK Boston 1971/72, Nr. 198
  • Mende 1971, Nr. 4057-4065
  • AK Nürnberg 1971, Nr. 583
  • AK Washington 1971, Nr. 69
  • Strauss 1976, Nr. 86
  • Willers 1976, S. 72-74
  • AK Schweinfurt 1995/96, S. 188 f.
  • Larry Silver, Germanic patriotism in the age of Dürer, in: Dagmar Eichberger und Charles Zika (Hrsg.), Dürer and his culture, Cambridge 1998, S. 38-68, 216-220, hier S. 55-57
  • Mende u. a. 2000, Nr. 68
  • Müller 2002a, S. 1-19
  • AK London 2002/03, Nr. 186
  • Koepplin 2003, S. 82 f.
  • AK Albertina 2003, Nr. 145 (M. Mende)
  • AK The Renaissance of Etching - Frühe Radierung, Metropolitan Museum of Art, New York und Albertina, Wien 2019/20, S. 54, Kat. 19 (C. Metzger
  • anderes Exemplar)
  • AK Albrecht Altdorfer. Maître de la renaissance allemande, Musée du Louvre, Paris 2020, S. 232 f., Kat. 60b (S. Lepape
  • anderes Exemplar)
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 450, Kat. 45
  • AK The Print, Albertina Wien 2022, Kat. 27
  • Edward H. Wouk, Albrecht Dürer’s ‘Landscape with a Cannon’ of 1518: the matter of etching, in: Edward H. Wouk und Jennifer Spinks (Hg.), Albrecht Dürer’s material world, Manchester 2023, S. 99–111
  • Susan Dackerman, Dürer’s Knots. Early European Print and the Islamic East, Princeton/Oxford 2024, S. 123-159
  • Provenance
  • Albertina, Altbestand
  • Online resources
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