Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen
Albrecht Dürer
1524
Platte: 19,1 × 12,6 cm
Einfassungslinie: 19,2 × 12,6 cm
"Überall flackern in Deutschland Feuer auf, die der Krieg entzündet hat" ("tota Germania flagrat incendiis et bellorum ardoribus") heißt es in einem Brief des päpstlichen Nuntius vom 24. Oktober 1522 an den Kardinal von Mantua (Redlich 1887, S. 11). Gemeint waren Händel wie #Franz von Sickingens Fehde gegen den Bischof von Trier oder Markgraf #Joachim von Brandenburgs Zwist mit Herzog #Bogislav von Pommern, vor allem aber die als übermächtig empfundene Türkengefahr. Trotz dieser politischen Zustände im Reich lief der für September 1522 nach Nürnberg einberufene Reichstag schleppend an. Zu denen, deren Anwesenheit dringend erforderlich war, zählte Kurfürst #Friedrich III., genannt der Weise, von Sachsen. Dieser beklagte in einem Brief vom 14. November seine körperliche Schwäche. Er leide so stark an der Gicht, dass seine Hände und Füße bewegungsunfähig seien. Am 28. November traf er schließlich in Nürnberg ein. Von seiner schlechten körperlichen Verfassung verrät Dürers Porträtzeichnung nichts (Paris, École nationale supérieure des Beaux-Arts; W 897). Friedrich von Sachsen, Dürers erster hochstehender Gönner und wichtigster Förderer, saß dem Maler vermutlich im Januar oder Februar 1523 Modell. Nachdem der Kurfürst am 24. Februar abgereist war, entstand nach der lebendigen Naturstudie mit Verzögerung der Porträtkupferstich des Jahres 1524. Der Dargestellte erhielt wohl noch einige Abzüge, bevor er im Mai 1525 verstarb.
Soweit es der Standesunterschied zuließ, standen sich der Fürst und Dürer nahe. Für den Reichstag in Worms 1521 hatte Friedrich dem Reformator #Martin Luther freies Geleit erwirkt, ihn anschließend auf die Wartburg in Sicherheit gebracht. Kurz vorher, Anfang 1520, erhielt Dürer von seinem fürstlichen Gönner aus Wittenberg mit einem persönlichen Schreiben einen Luther-Druck als Geschenk. Modell und Maler waren in der aktuellen evangelische Sache derselben Überzeugung. Dass Dürer die nach dem Tod #Kaiser Maximilians I. stornierte jährliche Leibrente von hundert Gulden später weiter erhielt, war mit Friedrichs Verdienst.
Angeregt von provinzialrömischen Grabsteinen, wie sie vor allem in Augsburg ans Licht gehoben und von Humanisten wie #Konrad Peutinger paläografisch untersucht wurden, entwickelte Dürer ab 1523 für das gestochene Bildnis einen Typus, der bald Nachahmer fand. Eine perspektivisch aufgefasste fiktive Steinplatte dient als Sockel für eine denkmalhaft aufgefasste Männerbüste. Zugleich fungiert sie als Träger einer Ruhminschrift in römischer Kapitalis. Bei Friedrich dem Weisen nutzt Dürer die Möglichkeit wechselnder Schriftgrößen. So erscheinen die Namen Christi und des sächsischen Fürsten gegenüber der Künstlersignatur herausgehoben. Die Vorzeichnung für den Stich legte Dürer diszipliniert und ökonomisch an. Durchgeführt mit dem Silberstift wurden Kopf und Barett, angedeutet nur das gefältelte Hemd. Erst im Stich ausgeführt wurde die Pelzschaube, deren glatte Tierhaare sich kontrastreich gegen die metallischen Kräusellocken des Vollbartes absetzen. Auf Machtinsignien, Orden, Schmuck kann ein Mann vom Range Friedrichs verzichten. Dezent weisen in den oberen Ecken die beiden sächsischen Wappen auf die herrschaftliche Würde hin - links das Kurwappen, rechts das Hauswappen der Wettiner. Die Inschrift kündet vor allem von der Frömmigkeit Friedrichs. Sie lautet in der Übersetzung: "Christus geweiht! Er förderte das Wort Gottes in großer Frömmigkeit und ist daher würdig, in aller Zukunft verehrt zu werden. Dem Herrn Friedrich, Herzog von Sachsen, des Heiligen Römischen Reiches Erzmarschall, Kurfürst, machte es Albrecht Dürer aus Nürnberg. Dem Hochverdienten schuf er als Lebender dem Lebenden 1524". Anfangs ein Anhänger und Förderer des Reliquienkults, fand er über Luther und #Melanchthon zur neuen evangelischen Bewegung, deren Schirmherr er wurde. Auf dem Sterbebett ließ er sich das protestantische Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen. Dem Herausstreichen des christlichen Lebenswandels Friedrichs in der Inschrift antwortet im Bild die Fensterreflexion in den Augen. Sie erinnert einerseits an den geläufigen antiken Topos vom "Auge als Fenster der Seele". Im übertragenen christlichen Sinne nimmt Dürer auf diese Seele des frommen Fürsten Bezug, die, im Körper gefangen, durch das Auge einen Schimmer göttlichen Lichts erhaschen kann.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 187, S. S.525-526.
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