Hans Burgkmair d. Ä., Allegorisches Frontispiz: Dialogus de diversarum gencium sectis et mundi …
Allegorisches Frontispiz: Dialogus de diversarum gencium sectis et mundi religionibus
Hans Burgkmair d. Ä., Allegorisches Frontispiz: Dialogus de diversarum gencium sectis et mundi religionibus, Inv. Nr.: DG1934/74r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Allegorisches Frontispiz: Dialogus de diversarum gencium sectis et mundi religionibus

Hans Burgkmair d. Ä.

1508




Johannes Stamler, für dessen Buch das Titelblatt bestimmt war, gehörte zum Humanistenkreis um Konrad Peutinger. Sein 1508 erschienener Dialogus handelt von einem Disput über Glaubensfragen. Hans Burgkmairs Holzschnitt übersetzte das Streitgespräch zwischen sechs Gelehrten sowie seinen Ausgang – den Sieg des Christentums – in eine eingängige Bildsprache. Unten sind die disputatores zu sehen, die sich um den vom Quell der Weisheit inspirierten Doktor Oliverius, den Moderator des Schlagabtauschs, versammelt haben. In der oberen Zone verleiht „Ecclesia“ ihren irdischen Streitern, Papst Julius II. und Kaiser Maximilian, mit Schlüssel und Schwert die Waffen zum Kampf gegen den Unglauben, der durch vier Königinnen mit zerbrochenen Lanzen repräsentiert wird. Text und Bild sollte nicht allzu großes Gewicht beigemessen werden, denn Stamler selbst betonte, sein Dialogus sei unbedingt komödiantisch zu verstehen.


Künstler:in (Augsburg 1473 - 1531 Augsburg)
Date1508
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesHolzschnitt, auf Vorder- und Rückseite des Blattes die gleiche Darstellung
DimensionsBlatt: 29,4 x 19,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1934/74r
Inscribedlinks unten Wappen und Monogramm des Autors: ».I. . S.«; oben bezeichnet: »DYALOGVS . IOHANNIS STAMLER . AVGVST[E]N[SIS] . / DE DIVERSARVM GENCIVM SECTIS / ET MVNDI RELIGIONIBVS«; die einzelnen Figuren namentlich bezeichnet
SignedMonogrammiert rechts unten: »H.B.«
Text

Über Johannes Stamler, den Autor des Buches, für den vorliegendes Titelblatt bestimmt war, ist wenig bekannt. Dass er Angehöriger der Augsburger Patrizierfamilie der Stam(m)ler vom Ast war, beweist sein Wappen, dass er aber auch zum Humanistenkreis um Konrad Peutin­ger gehörte (Falk 1968), bleibt Hypothese. Jedenfalls bezeugt das »Ex Rure Kyssingen« verfasste Geleitwort an Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg, dass Stamler 1508, beim Erscheinen des Dialogus, Kleriker im Dorf Kissing bei Augsburg war. Aus dem beigegebenen Brief seines »praeceptor observantissimus« Jakob Locher, eines humanistischen Dra­matikers, Philologen und Übersetzers an der Universität Ingolstadt, der dort von 1499 bis mindestens 1507 als »Lector in Poesi« lehrte, dürfen wir auf Stamlers Studium an der seinerzeit berühmten »Hohen Schu­le« schließen. Der Fortgang von Stamlers Karriere ist indessen unbe­kannt; nur noch einmal und erst 1541 wird er als Kanoniker am Brixener Dom genannt.

Sein Dialogus handelt von einem Disput über Glaubensfragen, zu dem sich sechs gelehrte Männer unterschiedlichen Bekenntnisses ein­gefunden haben.
14 Tage lang wird unter dem Vorsitz des Dr. Oliverius hitzig debattiert. Jenes Streitgespräch und seinen zu erwartenden Aus­gang – den Sieg des Christentums – übersetzt Hans Burgkmairs Titel­holzschnitt in eine eingängige allegorische Bildsprache. Unten sehen wir die sechs disputatores: in der Mitte, thronend und vom Quell der Weisheit inspiriert, Doktor Oliverius, ein päpstlicher Protonotar und schärfster Argumentator. Ihm sekundieren als Vertreter der Universitäten Triphon und Balbus (lat. = Stammler; eine Anspielung auf den Autor). Mit dem laicus, dem Laien, der die Übrigen mit bissigen Fragen quält, kommt ein weiteres komödiantisches Moment zum Zuge. Arnestes und Rabbi Samuel, die Vertreter von Islam und Judentum, beleben den Dialog mit scharfen Erwiderungen, verlangen aber schließlich die Taufe. In der oberen Zone verleiht die thronende »Sancta Mater Ecclesia« ihren irdi­schen Streitern, Papst und Kaiser, mit Schlüssel und Schwert die Waffen zum Kampf gegen fremde Religionen und Häresie. Beide tragen bildnis­hafte Züge, nämlich diejenigen Papst Julius’ II. und Kaiser Maximilians, der selbst ein Buch der 24 Glauben plante. Seitlich sitzen vier Königin­nen mit zerbrochenen Lanzen, die jene Religionen repräsentieren, die das Christentum überwand: links Judentum und Islam (die Fahne der »Sinagoga« trägt irrtümlich den Namen »Machometus« [Mohammed], die der Sarazenin den Judenhut), rechts die Vertreterinnen des unter Jupiters Schutz stehenden römischen Heidentums und von Dschingis Khans Tatarenhorden, des Inbegriffs der Geißel Gottes schlechthin.

Tilman Falks (1968) Deutung, das Titelblatt verfolge den (geradezu Lessing’schen!) Grundgedanken eines freien Disputs über Glaubensfra­gen, vermag nicht recht zu überzeugen. Überhaupt sollte Text und Bild nicht allzu großes Gewicht beigemessen werden. Stamler selbst betonte in seiner Vorrede an Matthäus Lang, sein Dialogus sei »in stilo simplicis­simo« und »sub comedia formula« geschrieben. Denn, so seine bis heute gültige Erkenntnis, »die Welt ist wol ain vogelhauß / vnd sitzen mertails Narren darinn«.

Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 45, S. 207.

Catalogue raisonné
  • Bartsch 39
  • H. 81
  • Biedermann/Falk 28
  • Bibliography
  • Bartsch 39
  • Hollstein 81
  • Nugent 1938, S. 989 – 997
  • Falk 1968, S. 69 – 70
  • Ausst.-Kat. Augsburg/Stuttgart 1973, Nr. 28 (Rolf Biedermann)
  • Larry Silver, Germanic patriotism in the age of Dürer, in: Dagmar Eichberger und Charles Zika (Hrsg.), Dürer and his culture, Cambridge 1998, S. 38-68, 216-220, hier S. 51-53
  • Ausst.-Kat. Albertina 2012, Nr. 45 (C. Metzger)
  • Provenance
  • Hofbibliothek, Alter Bestand

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/100994/allegorisches-frontispiz-dialogus-de-diversarum-gencium-secImage Request
    Last edited03.05.2023