Über Johannes Stamler, den Autor des Buches, für den vorliegendes Titelblatt bestimmt war, ist wenig bekannt. Dass er Angehöriger der Augsburger Patrizierfamilie der Stam(m)ler vom Ast war, beweist sein Wappen, dass er aber auch zum Humanistenkreis um Konrad Peutinger gehörte (Falk 1968), bleibt Hypothese. Jedenfalls bezeugt das »Ex Rure Kyssingen« verfasste Geleitwort an Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg, dass Stamler 1508, beim Erscheinen des Dialogus, Kleriker im Dorf Kissing bei Augsburg war. Aus dem beigegebenen Brief seines »praeceptor observantissimus« Jakob Locher, eines humanistischen Dramatikers, Philologen und Übersetzers an der Universität Ingolstadt, der dort von 1499 bis mindestens 1507 als »Lector in Poesi« lehrte, dürfen wir auf Stamlers Studium an der seinerzeit berühmten »Hohen Schule« schließen. Der Fortgang von Stamlers Karriere ist indessen unbekannt; nur noch einmal und erst 1541 wird er als Kanoniker am Brixener Dom genannt.
Sein Dialogus handelt von einem Disput über Glaubensfragen, zu dem sich sechs gelehrte Männer unterschiedlichen Bekenntnisses eingefunden haben. 14 Tage lang wird unter dem Vorsitz des Dr. Oliverius hitzig debattiert. Jenes Streitgespräch und seinen zu erwartenden Ausgang – den Sieg des Christentums – übersetzt Hans Burgkmairs Titelholzschnitt in eine eingängige allegorische Bildsprache. Unten sehen wir die sechs disputatores: in der Mitte, thronend und vom Quell der Weisheit inspiriert, Doktor Oliverius, ein päpstlicher Protonotar und schärfster Argumentator. Ihm sekundieren als Vertreter der Universitäten Triphon und Balbus (lat. = Stammler; eine Anspielung auf den Autor). Mit dem laicus, dem Laien, der die Übrigen mit bissigen Fragen quält, kommt ein weiteres komödiantisches Moment zum Zuge. Arnestes und Rabbi Samuel, die Vertreter von Islam und Judentum, beleben den Dialog mit scharfen Erwiderungen, verlangen aber schließlich die Taufe. In der oberen Zone verleiht die thronende »Sancta Mater Ecclesia« ihren irdischen Streitern, Papst und Kaiser, mit Schlüssel und Schwert die Waffen zum Kampf gegen fremde Religionen und Häresie. Beide tragen bildnishafte Züge, nämlich diejenigen Papst Julius’ II. und Kaiser Maximilians, der selbst ein Buch der 24 Glauben plante. Seitlich sitzen vier Königinnen mit zerbrochenen Lanzen, die jene Religionen repräsentieren, die das Christentum überwand: links Judentum und Islam (die Fahne der »Sinagoga« trägt irrtümlich den Namen »Machometus« [Mohammed], die der Sarazenin den Judenhut), rechts die Vertreterinnen des unter Jupiters Schutz stehenden römischen Heidentums und von Dschingis Khans Tatarenhorden, des Inbegriffs der Geißel Gottes schlechthin.
Tilman Falks (1968) Deutung, das Titelblatt verfolge den (geradezu Lessing’schen!) Grundgedanken eines freien Disputs über Glaubensfragen, vermag nicht recht zu überzeugen. Überhaupt sollte Text und Bild nicht allzu großes Gewicht beigemessen werden. Stamler selbst betonte in seiner Vorrede an Matthäus Lang, sein Dialogus sei »in stilo simplicissimo« und »sub comedia formula« geschrieben. Denn, so seine bis heute gültige Erkenntnis, »die Welt ist wol ain vogelhauß / vnd sitzen mertails Narren darinn«.
Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 45, S. 207.