Der heilige Christophorus
Lucas Cranach d. Ä.
1506 (Clair-obscur-Fassung 2)
Platte: 28,4 × 20,1 cm
Lucas Cranach d. Ä. folgte Anfang des Jahres 1505 dem Ruf des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen nach Wittenberg, wo er zum gefeierten Hofmaler aufstieg und zu großem Wohlstand und hohem Ansehen gelangte. Das geistig-kulturelle Klima bei Hofe inspirierte seine malerische Tätigkeit, und zugleich widmete sich Cranach intensiv dem Holzschnitt.
In seinem Georg von 1507 (Wien 2013, Abb.1) experimentierte er mit der Verschönerung des Holzschnitts durch Farbe, indem er die Darstellung zuerst mit der schwarzen Linienplatte auf ein farbig grundiertes Papier druckte und dann darüber eine zweite Strichplatte legte, welche die Lichthöhungen mit Gold wiedergibt. Dieses Verfahren ist eine Vorstufe des Clair-obscur-Holzschnittes, bei dem die Grundierung des Blattes durch die Einfügung einer Tonplatte ersetzt wird, bei der jene Partien ausgespart sind, an denen der weiße Papiergrund als Lichthöhung durchscheinen soll. Eine derartige Tonplatte hatte Cranach erstmals in seinen 1506 datierten Blättern Venus und Amor (Wien 2013, Abb.8) und Christophorus verwendet. Er versetzt den Heiligen in eine weite, prachtvoll geschilderte Landschaft mit einem sich rechts steil auftürmenden Felsmassiv. Mit letzter Kraft steigt der Riese ans Ufer und wendet sich Christus zu, der sich ihm gerade als Schöpfer und Herr der Welt offenbart. Der Heilige ist in eine Dreiecksform eingeschrieben, welche die erdrückende Last Christi zum Ausdruck bringt, wie J. Jahn schön gesehen hat.
Es existieren auch Abzüge allein von dem schwarzen Linienschnitt ohne die Tonplatte (vgl. Albertina Inv. DG1929/104). In diesem erscheint die Darstellung zwar vollständig, doch dürfte Cranach von Beginn an eine Komplettierung durch die Tonplatte beabsichtigt haben (siehe auch Landau und Parshall 1994, S. 192). Erst durch sie erhält die Landschaft ihren malerischen Reiz, bauscht sich der hochwehende Umhang des Christuskindes richtiggehend auf und setzt sich der auf dem Wasser liegende Teil des Mantels von den Wellen ab.
Kennzeichen des hier vorliegenden zweiten Zustandes sind ferner eine Fehlstelle bei der Konturlinie des Baumes am linken Rand sowie die Einfügung einer neuen Tonplatte. Diese imitiert zwar die frühere Tonplatte weitestgehend, ist aber weniger differenziert und weist geringfügige Abweichungen auf. Die auffälligste ist ein Querbalken im Glanzlicht auf dem Oberschenkel des Riesen, der in den frühen Drucken fehlt. Bereits E. Flechsig (1900, S. 23ff.) hat mit schlüssigen Argumenten dargelegt, dass die Jahreszahl 1506 auf dem Christophorus und auf Venus und Amor falsch ist und diese Blätter in Wirklichkeit erst 1509 entstanden sind. Das aufgehängte Täfelchen trägt das Zeichen der geflügelten Schlange, das Friedrich III., Kurfürst von Sachsen, Lucas Cranach erst im Jahre 1508 in einem Wappenbrief erteilte und das der Künstler erst ab 1509 verwendete. Das Wappen mit den Kurschwertern mit oberem schwarzen und unterem weißen Feld gebrauchte der Maler erst ab 1508. Flechsig zufolge sind die beiden Drucke höchstwahrscheinlich 1509 entstanden, da in diesem Jahr, und nur in diesem, alle Gemälde und Druckgraphiken auf die gleiche Weise bezeichnet sind. Auch stilistische Gründe sprechen für diese Datierung. So bestehen keine Parallelen zu Holzschnitten aus dem Jahre 1506 wie rechten Bezug zur Figur steht und lediglich die untere Bildhälfte ausfüllt. Dasselbe gilt für den Georg (Geisberg 1930, Nr. 597), bei dem die Landschaft extrem detailliert und verdichtet ist und keine Tiefe entwickelt, sondern eine Folie bildet, welche die Gestalt vollkommen einbezieht. Der Christophorus setzt sich dagegen von dem Umraum ab, der durch den Wechsel von großen unbehandelten Flächen vorne und ausführlich geschilderten Formen hinten weit und atmend ist und den ein breiter Fluss durchzieht, der den Blick in die Tiefe führt. Das freie Auftreten der Figur im Raum ist in vergleichbarer Weise bei dem Holzschnitt David und Abigail von 1509 anzutreffen (Geisberg 1930, Nr. 631). Wie zu Recht angenommen wird, hat Lucas Cranach die falsche Datierung bewusst vorgenommen, um den erstmaligen Gebrauch einer Tonplatte und damit die Erfindung des Clair-obscur-Holzschnitts für sich in Anspruch zu nehmen und eine Vorreiterrolle gegenüber den Arbeiten Burgkmairs zu reklamieren. Christophorus ist einer der populärsten unter den Nothelfern und wurde in zahlreichen Druckgraphiken verewigt, weswegen ihn auch Cranach als Sujet gewählt haben könnte. Vielleicht experimentierte er aber gerade bei diesem Druck erstmals mit einer Tonplatte, weil der Heilige Namenspatron des Nürnberger Juristen Christoph Scheurl (1481–1542) war, dem er das Blatt gewidmet haben könnte. Scheurl, der sich in dieser Zeit in Wittenberg aufhielt, ließ 1509 einen Widmungsbrief an den Künstler drucken, in dem er mit lobreichen Worten dessen Malerei pries (Schuchardt 1851, S. 27ff.). Cranach malte im gleichen Jahr ein Porträt von ihm (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg) und fertigte für ihn ein Bücherzeichen im Holzschnitt an (Hollst. VI, Nr. 144). Ein Erhard Schön zugeschriebener Holzschnitt von 1515 (Abb. 5) zeigt Scheurl kniend in Verehrung des Gnadenstuhls und hinter ihm seinen Namenspatron, den hl. Christophorus (frdl. Hinw. C. Metzger). Dass Cranach den Clair-obscur Holzschnitt als Freundschaftsgabe für den Juristen schuf, bleibt jedoch eine Hypothese.
Literatur: Loedel 1863, S. 3; Seibt 1891, S. 23ff.; Lippmann 1895, S. 138ff.; Flechsig 1900, S. 11ff.; Dodgson 1911, S. 296, Nr. 61; Geisberg 1930, Nr. 594; Jahn 1955, S. 33; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 22–23; Coburg 1972, Nr. 64; Strauss 1973, Nr. 4; Basel 1974, Bd. 2, Nr. 402c (Text v. D. Koepplin); Schade 1974, S. 34ff.; Hébert 1982, Nr. 887; Paris 1984, Nr. 265, Kat. 179 (Text v. R. Braig); Landau und Parshall 1994, S. 190ff.; Braunschweig 2003–2004, S. 17, Kat. A., Nr. 8; Tokio 2005, Kat. 3
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