Martin Luther
Lucas Cranach d. J.
1546
Platte: 27,5 × 21,9 cm
Mit dem Reformator und Theologen Martin Luther begegnet uns eine der bis heute prägendsten Gestalten der Geschichte. Zunächst zum Mönch berufen, wandelte sich Luther nach dem berühmten Turmerlebnis (um 1511, 1515 oder 1518) zum theologischen Urheber der Reformation. Während einer Meditation über den Bibelvers Römer 1,17 https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/roem1§ habe er plötzlich entdeckt, was er seit einem Jahrzehnt vergeblich gesucht hatte: „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.“ Verworfen war damit die altgläubige Lehre vom Sündenerlass durch gute Werke, der zu Luthers Zeiten im Ablasshandel eine bequeme Methode zur Durchführung fand. Freilich wurde aus dem konfessionellen Konflikt bald auch ein sozialer, denn mit Annahme der Reformation durch einzelne Reichsfürsten gewannen antikaiserliche Parteien an Boden und entflammten umstürzlerische Verfassungsziele im ganzen Reich. So führte die Trennung im Glauben bald auch zur Spaltung der Politik und schließlich auch der Gesellschaft, die erst in unseren Tagen und auch nur in unseren Breiten als überwunden gelten darf.
Bald schon erkannte Luther auch das Potenzial der Macht der Medien. Wie kaum ein Gelehrter zuvor nutzte er gleichermaßen die Möglichkeiten des Buchdrucks, um von der Bibelausgabe bis zum Pamphlet seine Lehre zu auszustreuen, wie des Bilddrucks, um seine machtvolle Gestalt ins kollektive Gedächtnis zu implementieren. Mit der Cranachwerkstatt war dafür ein auf Massenausstoß spezialisierter Kunstkonzern gewonnen worden. Das Holzschnittbildnis Cranachs d. J. zeigt Luther festen Auges und mit ganz sachte erhobenem Haupt nach links blickend. Innerhalb der von den Cranachs und ihrer Werkstatt zwar massenhaft vervielfältigten, doch auf nur wenige Grundmodelle reduzierten Luther-Ikonographie vertritt das Blatt den jüngsten Typus. Im Todesjahr des Reformators sollte es das Bild von der stets um Wohl und Wehe seiner Gefolgsleute besorgten Vaterfigur begründen und zugleich die über seinen Tod hinaus reichende Beständigkeit der Reformationsbewegung untermauern.
Christof Metzger, in: Sabine Haag, Veronika Sandbichler (Hg.), Ferdinand II. 450 Jahre Tiroler Landesfürst (Kat. Ausst., Schloss Ambras, Innsbruck 2017), Innsbruck ; Wien 2017, S. 152f., Nr. 4.13
