Die kleine Fichte
Albrecht Altdorfer
um 1520-1522
Albrecht Altdorfer macht die Landschaft erstmals zum Hauptinhalt seiner Bilder. Es handelt sich allerdings um keine tatsächlich existierenden Örtlichkeiten, sondern um kunstfertige Kompositionen mit üppig wuchernder Vegetation, die aus der Fantasie und aus Erinnerungen an reale Orte schöpfen. Die Radierungen sind mit Wasserfarben koloriert, wahrscheinlich von Altdorfer selbst: Die sensible Farbperspektive steigert die bildmäßige und natürliche Wirkung der Blätter.
(Seminararbeit im Rahmen der Lehrveranstaltung von Dr. Eva Michel, "Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit", WS 2012/2013, Universität Wien)
Die kleine Fichte zählt zu den insgesamt neun Landschaftsradierungen von Albrecht Altdorfer. Sie wurde in der Technik der Radierung ausgeführt, die sich sehr gut für dynamische und wilde Landschaften eignet. Sie erlaubt nämlich der Hand des Künstlers einen freien Duktus, denn es wird mit einem Griffel auf weichem Ätzgrund gezeichnet. Diese Zeichnung wird anschließend in das Metall hinein geätzt. Der Künstler stößt also nicht wie beim Kupferstich auf den Widerstand des Metalls, sondern kann frei wie mit einem Stift zeichnen. Da es sich hier um eine Radierung auf einer Eisenplatte handelt, waren jedoch nur wenige Abzüge möglich, denn das Eisen rostete schnell. Das Exemplar in der Albertina ist insofern auch ein Unikum, als es der einzig kolorierte Abzug ist.
Benannt ist das Blatt nach der Fichte im Vordergrund. Die unregelmäßig herab hängenden Zweige verleihen ihr einerseits Lebendigkeit, geben aber andererseits den Blick auf die Landschaft frei. Von der Fichte führt ein Pfad links zur Stadt im Hintergrund. Sie ist gekennzeichnet durch eine massive Burgarchitektur und einem Kirchturm. Das Stadttor ist über eine Brücke erreichbar, die über den Fluss weitergeführt wird.
Nur scheinbar ist hier ein wirklich existierender Ort dargestellt. Tatsächlich hat Altdorfer die Landschaft jedoch frei komponiert. Dies ist daran festzustellen, dass der Aufbau seiner Landschaften stets einem bestimmten Schema folgt. Im Vordergrund leitet ein charakteristischer Baum, in diesem Fall eine Fichte, den Betrachter in die Landschaft ein. Weitere Konstanten bilden ein Pfad, ein Fluss, eine Stadt und abschließend im Hintergrund die Berge. Die rechte und kleinere Bildhälfte des Blattes zeigt eine solche idyllische Zusammensetzung von Landschaft als Ausschnitt: Von der Wiese wandert der Blick des Betrachters zum Fluss mit der Brücke, weiter zur Stadt am anderen Ufer, und die Berge am Horizont schließen den Ausblick ab.
Obwohl die Landschaft das Thema ist, sind die Menschen nicht abwesend. Beim genaueren Hinschauen entdeckt man ein Boot auf dem Fluss. Über dem Bootsfahrer ist eine weitere Person auf der Brücke dargestellt, vermutlich ein Fischer mit einer Angel. Der aufsteigende Rauch aus einem Schornstein in der Stadt deutet auf die Anwesenheit von Menschen auch hier hin.
Die Kolorierung dieses Blattes ist dezent gehalten, so dass die Linien der Radierung sehr gut zum Vorschein kommen. Der Charakter der Radierung wurde also beibehalten. Koloriert wurde mit Wasserfarben in den Farbtönen Rötlich-Ocker, Grün und Blau. Es bleibt jedoch weiterhin in der Forschung umstritten, ob die Kolorierung von Altdorfer selbst ausgeführt wurde, von einem Mitarbeiter in seiner Werkstatt, oder nachträglich außerhalb der Werkstatt sogar in späteren Jahrhunderten.
Ein Auftraggeber für dieses Blatt ist nicht bekannt. Magdalena Bushart schlug eine Anfertigung für den Handel vor, wobei die Adressaten solcher Landschaftsradierungen Humanisten oder andere Künstler gewesen sein könnten.[1] Die Landschaften Altdorfers oder zumindest Ausschnitte wurden in der Tat von anderen Künstlern wiederverwendet.[2] Hans Mielke wies außerdem darauf hin, dass der schlechte Erhaltungszustand der meisten Blätter vermutlich infolge ihrer Nutzung als Wandschmuck zu erklären sei.[3]
Albrecht Altdorfer steht mit diesen Druckgraphiken am Anfang der Landschaft als neue Kunstgattung. Nach Magdalena Bushart, handelt es sich bei ihm nicht um eine säkularisierte Landschaft, sondern eher um eine Allegorie des Pilgerns.[4] Es ist auffällig, dass Altdorfer in diesen kleinen Formaten nicht eine Aufsicht auf die Landschaft wie bei der Alexanderschlacht wählt, sondern den Betrachterstandpunkt eines tatsächlich vor dem Baum stehenden Menschen wählt. Ein weiterer Hinweis für Busharts These wäre das Kreuz am Pfad in der linken Bildhälfte. Es wurde von der Kolorierung ausgespart, so dass es aus der umliegenden, gefärbten Landschaft heraussticht. Es markiert höchstwahrscheinlich den Weg zur Stadt, könnte der Landschaft aber auch die zusätzliche Sinnebene der christlichen Wanderung verleihen.
[1] Magdalena Bushart: Sehen und Erkennen. Albrecht Altdorfers religiöse Bilder, München u. Berlin 2004, S. 48–49.
[2] Franz Winzinger: Albrecht Altdorfer. Graphik. Holzschnitte, Kupferstiche, Radierungen, München 1963, S. 115–117.
[3] Hans Mielke: Albrecht Altdorfer. Zeichnungen, Deckfarbenmalerei, Druckgraphik, Berlin 1988, S. 232.
[4] Magdalena Bushart: Sehen und Erkennen. Albrecht Altdorfers religiöse Bilder, München u. Berlin 2004, S. 344.
