Das heilige Herz
Anonym
vor 1470
In seiner Doppelbedeutung als Organ und Symbol für die Liebe ist das Herz ein weltweit verständliches Zeichen. Der kleine Holzschnitt zeigt das Herz Jesu. Dem Johannesevangelium (Joh 19,34) zufolge stieß nach Jesus’ Tod ein Soldat eine Lanze in dessen Seite, worauf Blut und Wasser aus der Wunde flossen. Durch die Interpretation als Heilsöffnung und Ursprung der kirchlichen Sakramente von Eucharistie und Taufe hat das Herz Jesu im christlichen Glauben große Bedeutung. Mit verehrt wurde seit dem Mittelalter die Lanze, die angeblich den Stich zugefügt hatte und die als Teil der Reichsinsignien ab 1424 jährlich beim Nürnberger »Speerfest« präsentiert wurde. Die Pilger konnten kleine Andachtsbildchen mit dem verwundeten Herzen Jesu (sogenannte Speerbildchen) erwerben, die mitunter tatsächlich mit der heiligen Lanze berührt worden waren.
Auch unabhängig davon waren Herz-Jesu-Bilder im Rahmen der Passionsfrömmigkeit und mystischen Glaubensvorstellung äußerst populär. Ihrer Berührung und Verehrung wurde heilende Kraft zugesprochen. Vor allem im 15. und 16. Jahrhundert fanden Herzbilder mit teils komplexer Ikonografie dank der Vervielfältigungsmöglichkeit des Mediums Druckgrafik weite Verbreitung. Das hier gezeigte Exemplar besticht durch seine maximal reduzierte Form als einfache Konturzeichnung, die außergewöhnlich modern anmutet. Die Wunde ist tatsächlich sorgfältig mit einem Messer oder einer Schere eingeschnitten und das Papier ist entlang der Kanten aufgeklappt. Der reale Schnitt ins Papier imitiert also die Verwundung und heilsbringende Öffnung des Christuskörpers: Das Papier wird selbst zum Körper.
Eva Michel in: Faszination Papier, hrsg. von Ralph Gleis, Katharina Hövelmann, Elsy Lahner, Eva Michel (Ausst.-Kat. Albertina, Wien), Wien 2025, S. 18.
