Adam und Eva (Der Sündenfall)
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1638
In seinen biblischen Darstellungen gelangte Rembrandt immer wieder zu höchst unorthodoxen und psychologisch eindringlichen Lösungen. Ganz besonders der Fall ist dies in der Radierung "Der Sündenfall", in der Adam, von Eva zum Essen der verbotenen Frucht verführt, kurz vor diesem fatalen Schritt halb warnend, halb abwehrend seine rechte Hand erhebt, während seine linke Hand schon fast zugreift. Der hier gezeigte erste Zustand der Radierung befindet sich nur in der Albertina und im British Museum in London. Der erste Zustand unterscheidet sich unwesentlich vom zweiten, in dem nur der Erdwall hinter der Figur des Adam durch eine Umrisslinie verstärkt wurde. Das Londoner Exemplar wurde stellenweise mit schwarzer Kreide und mit der Feder in Braun ergänzt. Die mit dem Pinsel in Grau gesetzten Akzente wurden vermutlich posthum angebracht.
Das groß im Vordergrund stehende Paar erscheint teilweise im Gegenlicht, so dass die nackten Körper sich durch das wechselvolle Spiel von Licht und Schatten sowie durch die Reflexionen innerhalb der dunklen Partien umso plastischer von ihrem atmosphärischen Ambiente abheben. Im Gegensatz zu den traditionellen, idealisierenden Darstellungen des ersten Menschenpaares präsentiert Rembrandt zwei nicht mehr ganz junge, sehr realistisch durchgestaltete Körper. Darüber hinaus scheint es, als hätte der Künstler angesichts der groben Gliedmaßen und der derben Mienen, der wilden Haare sowie der ungelenken Gesten und Bewegungen eine von Einfachheit und Naturverbundenheit gezeichnete Ästhetik vermitteln wollen. Wie bei seinen "orientalischen" Typen, mit denen er das geographisch und historisch Ferne, Exotische evoziert, scheint er mit den Figuren von Adam und Eva ein vorgeschichtliches Zeitalter zu charakterisieren. Noch haben die beiden ersten Menschen ihre paradiesische Unschuld nicht verloren; ganz unbefangen präsentieren sie ihre Nacktheit, wobei sich die Schampartie der Frau, obwohl stark überschattet, deutlich abzeichnet. Kurz darauf jedoch, bei ihrer Vertreibung aus dem Paradies, sollten sie sich ihrer Nacktheit schamhaft bewusst werden und versuchen, ihre Körper zu verdecken. Der auf dem Baum liegende Drache hat noch nicht die von Gott als Strafe auferlegte Gestalt der Schlange angenommen, die sich nur am Boden fortbewegen kann. Sowohl in dieser Drachengestalt als auch in den Menschenfiguren wurde Rembrandt vom Kupferstich #Albrecht Dürers "Christus in der Vorhölle" aus der "Passion" von 1512 (Bartsch 7, 16) angeregt. Auch der Baumstamm und die überhängenden Äste erinnern in ihrer umrahmenden Funktion bis zu einem gewissen Grad an den halbrunden Torbogen in Dürers Stich. Im Entstehungsjahr der Radierung, 1638, erwarb Rembrandt eine große Anzahl druckgrafischer Arbeiten des deutschen Meisters. Der im Hintergrund sichtbare Elefant, der wie zur Warnung vor dem sich nahenden Unheil seinen Rüssel in die Höhe streckt, entstand etwa ein Jahr nach den drei Kreidezeichnungen, in denen Rembrandt einen Elefanten in verschiedenen Stellungen nach dem Leben festhielt (Inv. 8900, Inv. 17558). In der Radierung befindet sich das exotische Tier in einer dicht bewachsenen Paradieseslandschaft, die trotz ihres imaginären Charakters wie von Licht und Luft erfüllt erscheint.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 60, S. 154.
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