Abrahams Opfer
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1655
In der 1655 datierten Radierung "Abrahams Opfer" verbinden sich schlichte Gestaltungsmittel mit einem Höchstmaß an Emotionsgehalt. Zu sehen ist hier das im Buch Mose I, 22, 9-12 beschriebene Schicksal Abrahams, der seinen Sohn Isaak an einer von Gott bestimmten Stelle opfern sollte. Vor dem Altar, den Abraham, wie er seinem Sohn gegenüber behauptete, für die Schlachtung eines Schafes errichtet hatte, kniet der entkleidetet Knabe, dessen Augen von der Hand seines Vaters verdeckt werden. Dieser streckt mit dem einen Arm gerade das Messer aus, als sein anderer Unterarm vom eben heruntergefahrenen Engel umfasst wird, der ihn im letzte Augenblick von der Opfertat abhält: Abraham habe jetzt durch seinen Gehorsam bewiesen, dass er Gott fürchte. Bezeichnender Weise ist die unmittelbare Präsenz des Engels, der dem Bibeltext zufolge eigentlich aus dem Himmel ruft, eine freie Erfindung des Künstlers.
Tiefe Ergriffenheit spiegelt sich im Gesicht des Vaters wider, als der Engel zu ihm spricht und sich mit weit ausgebreitenden Flügeln erbarmungsvoll über ihn beugt; noch ist der Mund des Knaben vor Angst leicht geöffnet. Die einfache Geometrie der ineinander verschränkten Stellungen und fast archaisch wirkenden Gesten steht zur Komplexität der Gefühle, von denen die Dreiergruppe erfasst wird, in einem eigentümlichen Gegensatz. Die ganze Szene wird vom dramatischen Wechsel der Lichtstimmungen beherrscht, wobei der blendend weiße Schein rechts oberhalb des Engels den hellsten Bereich bildet. Charakteristisch für diese sehr expressive Schaffensphase sind die breiten, frei verlaufenden Parallelschraffen, die hier stellenweise von den Diagonallinien der Strahlenbündel durchkreuzt werden. Die ganze Darstellung wurde zunächst mit der Radiernadel angelegt; in der Folge wurden die Schattenpartien mit dem Grabstichel und mit der Kaltnadel vertieft. Auf den Unterschied dieser sehr verinnerlichten Szene mit den melodramatischen Gesten des um zwanzig Jahre früher entstandenen Gemäldes "Abraham und Isaak" (1635, St. Petersburg, Eremitage) wird immer wieder hingewiesen. Die um ein Jahr später entstandene Radierung "Abraham, die Engel bewirtend" (Inv. DG1926/40) bildet mit der hier besprochenen Radierung möglicherweise ein Paar.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 111, S. 244.
