Adam und Eva nach Dürer
Marcus Kraffter
1571-1590
Das Blatt mit dem wohlbekannten Motiv, nämlich der Kupferstich Adam und Eva von Albrecht Dürer (1471–1528) aus dem Jahr 1504 (Meder 1), überrascht durch die enorme Vergrößerung. Dürers Original misst etwa 25 auf 19 cm, hier ist es fast das Doppelte. Es handelt sich auch nicht um eine gestochene Kopie, wie sie seit etwa 1600 mehrfach entstanden sind, sondern um eine Strich für Strich und Punkt für Punkt minutiös ausgeführte Federzeichnung. Wo Dürer links oben auf einem Täfelchen mit einer lateinischen Inschrift seine Autorschaft bestätigt, ist hier von dem Augsburger Patrizier Markus Kraffter (letztes Viertel des 16. Jahrhunderts) zu lesen, der sich 1571 dieser Fleißarbeit angenommen hat. Entlang der Unterkante hat Kraffter einen schmalen Streifen ergänzt, der links sein Porträt, als Hauptmotiv aber eine Schar nackter Kinder zeigt, die sich der Zeichenutensilien sowie seines Wappens als Spielzeuge bemächtigt haben. In der Umschrift des Bildnisses und nochmals darüber liest man die Jahreszahl 1590. Eine Erklärung für diese Diskrepanz liefert das auf der Rückseite befestigte Handschreiben Kraffters: 1571 hat er mit der Arbeit begonnen, die nach Vollendung der oberen Hälfte aber liegen blieb, bis er fast zwei Jahrzehnte später, als er mittlerweile in Straßburg lebte, »die alte Lust und Liebe« wieder entdeckte, das Werk zu vollenden (im vollen Wortlaut bei Grotemeyer 1936, S. 161–164). Den zeitlichen Abstand erkennt man auch an der unterschiedlichen Färbung der Tinten, die oben eher ins Bräunliche geht.
Derartige Bravourstücke erfreuten sich im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts, also während der sogenannten Dürerrenaissance, besonderer Beliebtheit. Als ausgewiesener Spezialist galt dafür der am Prager Hof tätige Danziger Maler Antonius Möller. Im Gegensatz zu Kraffter verzichtete dieser aber auf sein eigenes Monogramm und hielt sich auch an die vergebenen Abmessungen. Kraffter allerdings hat diese erheblich vergrößert, um zu beweisen, dass er »von freyer Hand« und nicht etwa mittels eines Pausverfahrens arbeitete. Kleine Veränderungen nahm er bewusst am Kopf Evas und an der Katze vor. Als Bonus für die scharfäugigen Betrachter:innen hat Kraffter an den Baumstamm aus Papier ausgeschnittene Medaillons geklebt, auf die er in Mikroschrift die lateinischen Fassungen des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers geschrieben hat, um auch den religiösen Aspekt der Darstellung nicht zu vergessen. Oben rechts auf dem Felsen, wo der berühmte Steinbock seinen Balanceakt wagt, stehen zwei Schrifttafeln mit den Zehn Geboten, sodass Kraffters Kunst zugleich zum Lehrstück wird.
Christof Metzger in: Faszination Papier, hrsg. von Ralph Gleis, Katharina Hövelmann, Elsy Lahner, Eva Michel (Ausst.-Kat. Albertina, Wien), Wien 2025.
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