Christus am Ölberg
Rembrandt Harmensz. van Rijn
um 1652
Rembrandt hat um die Mitte der fünfziger Jahre einen der menschlich ergreifendsten Momente aus der Passionsgeschichte dargestellt, dazu in einer Phase, in der er in seinen erzählenden Zeichnungen ein Höchstmaß an Expressivität erreicht hatte (Hamburger Kunsthalle). In einem verhältnismäßig großen Breitformat präsentiert sich das Hauptmotiv gemeinsam mit den bei Lukas 22, 39-47 am ausführlichsten beschriebenen Ereignissen auf dem Ölberg, die sich im Bibeltext nacheinander abspielen. Im Bildzentrum steht die Szene, in der Christus nach seinem nächtlichen Seelenkampf von einem Engel Kraft empfängt; vor dieser Zweiergruppe steht der von Christus akzeptierte Kelch des Leidens. Ganz rechts sind die drei Jünger zu sehen, die Christus begleitet hatten, und die, vor Kummer erschöpft, während dieser für ihren Meister schweren Stunden eingeschlafen waren. Rechts im Hintergrund des Gartens Gethsemane nähert sich bereits die Schar der Männer, die ausgezogen war, um Christus nach dem Verrat des Judas zu verhaften.
Um 1657 behandelte Rembrandt den gleichen Themenkomplex in der hochformatigen Radierung, in der er die Hauptfiguren nicht seitenverkehrt, wohl aber in einer etwas anderen Position wiedergab. Hier umfasst der gleichfalls von einem breiten Lichtstrahl begleitete Engel die Körpermitte des knienden, diesmal frontal wiedergegebenen Christus, dessen leidender Gesichtsausdruck mit den geschlossenen Augen im Fokus der Darstellung steht. Die übrigen Bildkomponenten verhalten sich zur Zeichnung spiegelverkehrt, wurden in ihrer Anordnung aber dem Hochformat angepasst. En wesentlicher Unterschied zur Zeichnung besteht in der Nachtstimmung: Die Szene zeigt sich in einem flackernden Helldunkel, wobei der von dunklen Wolken teils verdeckte Vollmond und der geheimnisvolle Schein des Engels die einzigen Lichtquellen bilden. Der hier gezeigte Druck wirkt durch den Plattenton und die kräftige Gratwirkung besonders stimmungsvoll.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 110, S. 242.
