Der heilige Hieronymus in bergiger Landschaft
Rembrandt Harmensz. van Rijn
um 1653
Rembrandt war von der Figur des heiligen Hieronymus besonders fasziniert; insgesamt sieben seiner Radierungen sind diesem Heiligen gewidmet. Das erste Beispiel entstand um 1629 in der Leidener Zeit, die letzte und gleichzeitig berühmteste Hieronymus-Radierung, die hier in ihrem ersten Zustand auf Japanpapier präsentiert wird, schuf Rembrandt um 1653/54.
Unter einem hoch aufragenden Baum sitzt der Heilige, ganz in seine Lektüre versunken. Es fehlen die übliche Attribute - Kruzifix und Totenschädel -, und statt des Kardinalshutes trägt Hieronymus eine Kopfbedeckung mit breiter Krempe, die ihn offensichtlich gegen das blendende Sonnenlicht schützen soll. Auf einem Felsvorsprung steht im Schatten des Baumes, hoch aufgerichtet, der Löwe und überblickt das von Gebäuden bekrönte Hügelgebiet.
Dass diese südliche Stimmungslandschaft Rembrandts intensive Auseinandersetzung mit der venezianischen Kunst des 16. Jahrhunderts wiederspiegelt, wird immer wieder betont. So geht die Verbindung des im Vordergrund sitzenden Hieronymus mit einem Fernblick auf eine Landschaft offenbar auf einen Stich zurück, den #Cornelis Cort nach einem Entwurf #Tizians angefertigt hat. Auf die Gestaltung der Hügellandschaft und der Gebäude wiederum scheinen die Stiche und Holzschnitte von #Giulio und #Domenico Campagnola anregend gewirkt zu haben. Wie immer bei Rembrandt führen diese Inspirationen zu einem höchst authentischen Ergebnis.
Im Vordergrund dieser eindrucksvollen Radierung steht nicht so sehr das Thema als solches, sondern vielmehr die intensive Durchgestaltung des aus der Fantasie gebildeten, atmosphärischen Landschaftraums, der von verschiedenen Lichtwerten und manchmal stark kontrastierenden Helldunkelpartien gegliedert wird. Rembrandt entfaltet hier das ganze Spektrum seines grafischen Könnens, von den feinsten radierten Linien der Hieronymusgestalt bis hin zu den heftigsten, tiefschwarzen Kaltnadelstrichen, besonders in der Mähne des Löwen. In dieser Arbeit ging Rembrandt eher großzügig zusammenfassend als genau beschreibend vor; die Vordergrundpartie wurde nur scheinbar unvollendet gelassen. Eine Zeichnung in der Hamburger Kunsthalle, die die Komposition der Radierung spiegelbildlich vorbereitet, zeigt den Heiligen und den Löwen noch in den Schatten eingehüllt, während die neben ihnen aufragende Fels- und Baumpartie vom Licht erfasst wird. Offensichtlich haben sich Rembrandts Vorstellungen in Bezug auf die Lichtverteilung während der Arbeit an der Radierung gründlich gewandelt.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 72, S. 160.
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