Ecce Homo
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1655
Platte: 37,9 × 45,2 cm
Rahmenaußenmaß 69,1 × 62,6 × 4 cm
Zwei Jahre nach seinem druckgraphischen Hauptwerk "Die drei Kreuze" (Inv. DG1926/1657, DG1926/1659) nahm Rembrandt sein zweites großes Projekt im Angriff: die monumentale Kaltnadelarbeit "Christus wird dem Volke vorgeführt", von der insgesamt acht Zustände bekannt sind. Wahrscheinlich hat der Künstler diese beiden Arbeiten, die sich im ungewöhnlich großen Format, hinsichtlich der Technik des Kaltnadelverfahrens wie auch in Bezug auf die Experimentierfreudigkeit sehr nahestehen, als Pendants geschaffen. Möglicherweise entstanden sie sogar als Teile einer geplanten, jedoch nie zustande gekommenen Passionsserie.
Die Szene im hier gezeigten zweiten Zustand (die ersten drei Zustände unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander) befasst sich mit jenem Moment der Passionsgeschichte, in dem der römische Statthalter Pontius Pilatus den gefesselten Christus dem Volk vorführt und fragt, ob er den - hier im Hintergrund sichtbaren - Verbrecher Barabbas freilassen soll. Die Menge entscheidet sich für Barabbas und fordert den Kreuzestod Christi (Matthäus 27, 21-23).
Rembrandt fasst hier verschiedene Phasen der biblischen Erzählung zusammen: Links im offenen Fenster ist die Frau des Statthalters zu sehen, die gerade von einem Boten verlassen wird; dieser soll ihrem Gemahl den unheilvollen Traum vermitteln, durch den sie vor der Kreuzigung Christi gewarnt wurde. Auf dem Podest steht links vom Sockel ein Diener, der einen Wasserkrug und eine Schale bereithält, in der Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld waschen wird. Unten breitet sich die Menschenmenge reliefartig aus, wobei der alte Mann rechts, der sich aus seiner Gruppe löst, einen schweren Schatten auf die helle Mauer wirft; sein dunkles Zerrbild zeigt die einzige emotionale Geste innerhalb der eigentümlichen Starre, von der die restlichen Figuren der Szene befallen zu sein scheinen.
Einen wichtigen Ausgangspunkt für die Komposition bildete der monumentale Kupferstich "Ecce Homo" von #Lucas van Leyden, dessen druckgrafische Arbeiten von Rembrandt sehr bewundert und auch eifrig gesammelt wurden. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Werken zeigt sich in der Wiedergabe des Gerichtsgebäudes: Rembrandt verzichtet völlig auf eine perspektivische Hintergrundgestaltung und führt eine in flächig angelegte, symmetrisch gestaltete Architekturkulisse vor. Die blockhaft schematisierten Figuren sind ihrer Umgebung weitgehend untergeordnet und unterscheiden sich kaum von den oberhalb sichtbaren Statuen der Fortitudo und Justitia. Die Dramatik der Szene wird eher durch die schwere, flächenfüllende Monumentalarchitektur als durch die Figuren selbst vermittelt.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 70, S. 156-157.
