Das von Bergen umgebene Tal
Hercules Pietersz. Seghers
vor 1638
Hercules Seghers war der Sohn des flämischen, in den Norden ausgewanderten Leinenhändlers Pieter Seghers. 1596 übersiedelte Hercules mit seiner Familie nach Amsterdam, wo er bei #Gillis II. van Coninxloo bis zu dessen Tod im Jahr 1606 in die Lehre ging. Durch Coninxloo machte Seghers Bekanntschaft mit der Landschaftskunst #Pieter Bruegels, #Joos de Mompers, #Paul Brils und anderen Meistern des flämischen Spätmanierismus. 1612 trat er ebenso wie #Esaias van de Velde und #Willem Buytewech der Haarlemer Malergilde bei. Seit 1614 wohnte Seghers in Amsterdam; 1631 handelte er mit Gemälden in Utrecht, ab 1633 verblieb er bis zu seinem Tod in Den Haag. Sein Ruhm als Landschaftsmaler führte ihn bis zum königlichen Hof in Den Haag; seine Radierungen fanden ihren Weg zu einem kleinen Kreis von Liebhabern.
In der Literatur hat Hercules Seghers aufgrund seiner Radierkunst den Status eines faszinierenden, moderne Kunstauffassungen vorwegnehmenden Einzelgängers inne. Der höchst experimentelle Charakter seiner druckgrafischen Arbeiten, deren Technik bis heute noch manche Rätsel aufgibt, wurde 1678 von #Samuel van Hoogstraten bestaunt. Der offenbar gut informierte Autor schreibt, dass Seghers "Gemälde druckte", und zwar auf Materialien wie Papier oder Leinen, die er zuvor mit Farbe präpariert hatte (S. van Hoogstraten, Inleyding tot de Hooge Schole der Schilderkunst: Anders de Zichtbaere Werelt, Rotterdam 1678, S. 312). Tatsächlich druckte der Künstler in verschiedenen Farben auf gefärbtes Papier, Leinen oder farbig grundierte Baumwolle; oft bemalte er die Drucke nachträglich mit Wasser- oder Deckfarben. Der Großteil seiner Radierungen besteht aus imaginären, zumeist menschenleeren Gebirgs- und Felsenlandschaften oder weit ausgedehnten Talansichten, in denen manchmal frei erfundene oder versatzmäßig eingesetzte Architekturelemente auftauchen. Dabei entstanden von ein und derselbe Platte durchwegs mehrere, sehr voneinander abweichende Drucke, wie die beiden Albertina-Blätter (Inv. DG1933/2187, DG1933/2188) treffend vorführen.
Die hier gezeigte Darstellung "Das von Bergen umgebene Tal" gehört zu den beliebtesten, meistwiederholten Motiven des Künstlers; insgesamt 21 weltweit verstreute Drucke und ein Gegendruck sind von dieser Platte bekannt. Jedes Blatt besitzt, bei etwa gleichbleibender Grundstruktur, einen individuellen Charakter und eine eigene, oft unheimlich anmutende Farbstimmung; jede Arbeit wird dadurch zum Unikat. Das erste der beiden Exemplare (Inv. DG1933/2187) wurde in Schwarz auf Leinen gedruckt, das mit einem gebrochenen Weiß getönt worden war; ergänzt wurde der Druck durch blau und grün nuancierte Aquarellfarben sowie durch braune Lavierungen. Die Basislinien des zweiten Blattes (Inv. DG1933/2188) sind gleichfalls schwarz, doch wurde dieser Druck auf einem braungelben, mit rosafarbenen Deckfarben präparierten Papier ausgeführt.
Mit dem hier präsentierten Landschaftstypus nimmt Seghers einerseits auf die spätmanieristische flämische Tradition Bezug, die ihm von Coninxloo vermittelt worden war. Gleichzeitig weisen Seghers' schwer zu datierenden Arbeiten eine abstrahierende, nervös-kritzelige Linienschrift auf, deren brüchige Strukturen nicht selten zum Vergleich mit Mondlandschaften Anlass geben haben. Zu den größten Bewunderern seiner außergewöhnlichen Qualitäten gehörte #Rembrandt van Rijn, der seine Arbeiten gesammelt und eine seiner Platten sogar mehrfach überarbeitet hat. Die Platte von Hercules Seghers gibt eine Landschaft mit "Tobias und den Engel" wieder, die von Rembrandt zu einer "Flucht nach Ägypten" umgearbeitet wurde.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 126, S. 268-269.
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