Das französische Bett
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1646
Der geöffnete Vorhang eines Bettes gibt den Blick auf zwei Liebende frei. Der verschämte Titel der 1646 entstandenen seltenen Radierung, der noch aus Edme-Français Gersaints erstem Verzeichnis der Druckgrafiken Rembrandts (1751) stammt, verrät nichts vom Geschlechtsakt, in dem die beiden, noch halb bekleidet, miteinander versunken sind. Scheinbar ohne jeglichen allegorischen, biblischen, mythologischen oder historischen Zusammenhang, ohne Idealisierung oder Dekor, erscheint dieser privateste Moment äußerst unmittelbar. Von Rembrandts Suchen nach der Position der verschränkten Körper zeugen Überarbeitungen wie der zweimal vorhandene linke Arm der Frau, der von ihm jedoch bewusst stehen gelassen wurde und so etwas wie Bewegung suggeriert.
Die Intimität der Szene steht im Gegensatz dazu, dass es sich um eine vervielfältigbare Druckgrafik handelt und wirft somit die Frage nach deren Sinn auf. Erotische oder obszöne Darstellungen waren in Rembrandts Zeit durchaus geläufige Sammlerstücke. Das Inventar seiner Druckgrafiksammlung (1656) verrät, dass Rembrandt selbst auch „bouleringe“ (Erotika) nach Raphael, Rosso Fiorentino, Annibale Carracci (d.h. die Stichserie von Jacques Joseph Coiny nach Carraccis Lascivie) und Giulio Bonasone besaß. Im Unterschied zu diesen traditionellen Erotika handelt es sich hier jedoch um keine nackten Götter, Nymphen oder Satyrn beim Liebesakt, noch um eine moralsatirische Darstellung wie beim Mönch im Kornfeld (Inv. H/III/14/33; Inv. DG1930/457; Inv. DG1930/458), sondern um ein realistisches Bild, das gerade aufgrund seiner fehlenden Einbettung in ein Narrativ irritierend und neu ist. Dennoch gibt es Bezüge zur ikonografischen Tradition: Der prominent an den Bettpfosten gehängte Federhut sowie das leere Glas auf dem Nachttisch sind Attribute der Unkeuschheit und typische Bestandteile niederländischer bordeeltjes (Bordellszenen), insbesondere der biblischen Geschichte des Verlorenen Sohnes (Lk 15,11–32). Auch der überdimensionale Türbogen links und der Pilaster mögen andeuten, dass es sich eher um keine privaten Räumlichkeiten handelt. Üblicherweise wurden bei Bordellszenen jedoch das zur Unzucht führende übermäßige Trinken und das gesamte Personal des Bordells detailreich inszeniert. Rembrandt fokussiert hingegen den späteren Moment erotischer Intimität, der sonst nicht mehr gezeigt wird, und der hier zum eigentlichen Thema wird. Durch ihre Kontextlosigkeit verliert die Szene auch ihre moralische Wertung und wird paradigmatisch zu einer intimen Begegnung zweier Liebender.
Erotische Darstellungen, die den Liebesakt in aller Offenheit wiedergaben, waren in der durchwegs von strengen Moralbegriffen geprägten Kunst des niederländischen 17. Jahrhunderts eine Seltenheit. Weit verbreitet dagegen waren verspielte Liebesszenen, die im Bereich der Druckgraphik vor allem in Serien wie "Die Fünf Sinne" ("Tastsinn"), "Die Tageszeiten" ("Nacht"), "Die sieben Todessünden" ("Luxuria") oder auch in biblischen Erzählungen anzutreffen sind, etwa im Kontext des sündigen Lebenswandels des "Verlorenen Sohnes".
Der traditionelle Titel der 1646 datierten, seltenen Radierung, "Das französische Bett" (im 17. Jahrhundert die Bezeichnung für ein von Vorhängen umgebenes Bettgestell), geht an deren eindeutigem Inhalt behutsam vorbei. Thematische Anregungen zu dieser Szene empfing Rembrandt zweifellos aus der italienischen Kunst. In seiner Sammlung befand sich, der Inventarliste von 1656 zufolge, ein Band mit Darstellungen von "Boelering" (im 17. Jahrhundert ein niederländischer Sammelbegriff für Obszönitäten) von #Raphael, #Rosso, #Annibale Carracci und #Giulio Bonasone. Diese italienischen Liebesakt-Szenen zeichnen sich nicht nur durch eine große Offenheit, sondern auch durch komplizierte Körperstellungen aus. Rembrandt gab dieser Thematik eine ganz eigene Wende. Seine Interpretation eines Liebesakts ist von den raffinierten Posen und dem oft akrobatischen Körperspiel der italienischen Vorbilder weit entfernt. Klassische Nacktheit war bei Rembrandt kein Thema; seine zwei Liebenden haben ihre Kleidung nicht abgelegt. Die intime Szene ist durch große atmosphärische Geborgenheit gekennzeichnet, wobei der genießende Gesichtsausdruck der Frau im Fokus steht. Besondere Aufmerksamkeit kam den tiefen Schatten der Vorhänge zu, wobei die Kaltnadel in den samtenen, tiefschwarzen Partien ihre volle Wirkung zeigt. Einen auffälligen Akzent bildet das auf dem vorderen Bettpfosten abgelegte Barett mit der großen, weichen Feder. Da dieses Attribut sich in Bordelldarstellungen häufig mit dem Gleichnis des "Verlorenen Sohnes" verbindet, wird manchmal vermutet, dass auch "Das französische Bett" auf diese Geschichte Bezug nimmt. Ob Rembrandt die zweifache Wiedergabe des linken Armes als Fehler oder als die gleichzeitige Wiedergabe zweier Bewegungsphasen ansah, muss dahingestellt bleiben. Jedenfalls wurde dieser Fehler (?) im hier gezeigten dritten Zustand nicht korrigiert.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 55, S. 146.
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