Die Schnecke
Rembrandt Harmensz. van Rijn
1650
Seit dem frühen 17. Jahrhundert gehörten seltene Schnecken und Muscheln, die von den großen Handelskompanien aus verschiedenen Weltteilen in die Niederlande importiert wurden, zu den begehrten Sammelobjekten. Diese exotischen Naturgebilde, die wegen der Schönheit ihrer Formen und Farben besonders bewundert wurden, waren sowohl in fürstlichen Kunst- und Wunderkammern als auch in den Naturaliensammlungen von Bürgern und Künstlern anzutreffen. Auch in Rembrandts enzyklopädischer Kunstkammer befand sich, dem Inventar von 1656 zufolge, eine große Sammlung von Schnecken und Muscheln.
Die hier gezeigte kleinformatige Radierung einer aus Ostindien stammenden Kegelschnecke (Conus Marmoreus) ist das einzige Beispiel eines Stilllebens in Rembrandts Œuvre. Obwohl Schnecken und Muscheln in oft bunten Zusammenstellungen auf vielen gemalten Blumen- oder Vanitasstillleben des 17. Jahrhunderts vorkommen, ist - wie oft betont wird - die unmittelbare Inspirationsquelle für Rembrandts Darstellungsweise im Bereich der Druckgrafik zu suchen. Es geht hier in erster Linie um die von #Wenzel Hollar (1607-1677) radierte Folge von 38 Schnecken beziehungsweise Muscheln, die sich jeweils einzeln vor einem leeren Hintergrund präsentieren, ohne jede Andeutung einer Umgebung; Rembrandts Radierung am Nächsten steht Hollars "Conus Imperialis". Während bei Hollar jedoch der objektiv-wissenschaftliche Modellcharakter im Vordergrund steht, ist in Rembrandts Radierung - über deren detaillierte Wiedergabe hinaus - die Faszination des Künstlers für sein exotisches Sammelobjekt spürbar, wodurch dieses Miniatur-Stillleben fast pathetisch wirkt. Matt schimmernd präsentiert sich die markant strukturierte Oberfläche des auf einer glatten Fläche liegenden Naturgebildes vor einem schattigen Hintergrund, den Rembrandt allerdings erst im - hier gezeigten - zweiten Zustand hinzugefügt hat; im seltenen ersten Zustand der Radierung ist lediglich der Schatten zur linken Seite der Schnecke vorhanden. Wie unlängst hervorgehoben wurde, haben weder Hollar noch Rembrandt die Tatsache realisiert, dass in der Natur die in eine Öffnung endende Spirale der Schneckengehäuse immer der Uhrzeigerichtung entsprechend verläuft. Ihre Radierungen von Schnecken zeigen die entgegengesetzte Richtung; um im Druck den richtigen Verlauf zu erzielen, hätten sie diese Objekte in ihren Entwürfen spiegelverkehrt wiedergeben müssen.
Rembrandt, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Marian Bisanz-Prakken, Wien 2004, Abb. 143, S. 300.
